Aktuell ist Robert De Niro in der Netflix-Produktion "The Irishman" von Regisseur Martin Scorsese zu sehen. 
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MarrakeschEr ist einer der wenigen Menschen weltweit, die man nicht vorstellen muss: Robert De Niro, Kultschauspieler, Chamäleon, Jahrhundertmime. Interviews mit ihm sind eine Rarität, vielleicht auch deswegen, weil sie nicht seine Paradedisziplin sind: Es ist schwer, De Niro einige längere Sätze zu entlocken. Wir treffen die Schauspiellegende in einem Hotel, das selbst legendär ist, das „La Mamounia“ in Marrakesch. De Niro sitzt im Garten und gibt sich schon bei der Kleidung so unauffällig, dass man ihn fast übersieht: beigefarbene Hose, dunkles Hemd, ein braunes Sakko. Aber, das merkt man sofort: Er ist für seine Verhältnisse extrem zugänglich, gesprächig und offen.

Mr DeNiro, sieht man Sie in „The Irishman“ endlich wieder in einem gewichtigen Meisterwerk wie „Taxi Driver“, „Goodfellas“ oder „Casino“? Wer ist der „Irishman“?

„The Irishman“ erzählt die wahre Geschichte des irischen Auftragsmörders Frank Sheeran. Eigentlich hatten Marty und ich etwas anderes vor, aber dann las ich zufällig dieses Buch und wir haben sofort beschlossen, den zu drehen.

Was verbindet Sie mit „Marty“ Scorsese außer nunmehr neun Filmen?

Wir sind in derselben New Yorker Gegend aufgewachsen, in Little Italy, und lernen uns mit 15,16 kennen. Wir hatten schon damals denselben Filmgeschmack und denselben Appetit auf gute Storys. Daher haben wir so oft miteinander gedreht. Ich habe es aufgegeben zu erklären, wie wir miteinander arbeiten. Das Einzige, was ich in Worte fassen kann, ist, dass unsere Arbeit auf Vertrauen basiert.

Doch zurück zu unserer Eingangsfrage, ich stelle sie noch einmal anders: Warum sah man Sie so oft in albernen, fäkalhumorigen Streifen wie „Dirty Grandpa“?

Ich liebe Komödien. Natürlich unterscheiden sie sich sehr von klassischen Filmdramen. Aber oft sind Komödien sogar noch schwerer zu drehen als die Dramen. Ich bin leider kein begnadeter Komiker. Ich kann gewisse komödiantische Rollen spielen, aber das war’s dann auch schon. Ich bin definitiv kein Comedy-Genie wie Billy Crystal!

„The Irishman“ soll mit einem angeblichen Budget von 135 Millionen Dollar der teuerste Netflix-Film überhaupt sein…

Was, so viel? Was für ein Glück, dass wir das bekommen haben! Ich weiß nur, dass es nicht leicht war, ihn auf traditionelle Art finanziert zu bekommen. Die großen Hollywood-Studios kriegten es nicht hin, daher waren wir selig, als Netflix zusagte. Sie haben den Film nicht nur finanziert, sondern haben uns komplette künstlerische Freiheit gewährt.

Szene aus „The Irishman“ mit Robert De Niro (l.) und Joe Pesci.
Filmszene: Netflix

Wo stehen Sie in der Debatte: Wird Netflix der letzte Sargnagel sein, um die Filmkunst aus den Sälen zu treiben? Oder werden Streamingdienste vielleicht zum Refugium der Filmemacher, die kaum noch Hoffnung hatten, ihre Visionen für das Kino umsetzen zu dürfen?

Ich verstehe die Problematik und weiß, warum viele etablierte Studios Angst vor Streaming-Diensten haben. Wir haben mit Netflix auch lange darüber diskutiert, sie haben zugestimmt, unseren Film zusätzlich in ausgewählten Kinos zu zeigen. Der Konflikt zwischen Streamingdiensten und Kinos muss irgendwie gelöst werden, auch wenn die Lösung nicht jedem gefallen wird. Aber natürlich kann ich die Zukunft des Kinos nicht voraussehen.

Der Film „The Irishman“

In dem Film „The Irishman“ spielt Robert De Niro den Geldeintreiber und Problemlöser Frank Sheeran, der schon viele Jahre für den Mafiaboss Russell Bufalino (Joe Pesci) arbeitet. Auf Empfehlung Russels stellt ihn der mit der Cosa Nostra verbandelte Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) als seinen Bodyguard ein. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich erst Respekt, dann eine enge Freundschaft. Je mehr Jahre ins Land ziehen, desto höher steigt Frank auch in den Rängen der Mafia auf und desto grausamer werden die Verbrechen, die er verübt. Dann bekommt er den Auftrag, Hoffa zu ermorden ...
Die Netflix-Produktion ist bereits in ausgewählten Kinos auch in Berlin angelaufen. Am 27. November wird „The Irishman“ dann auch auf Netflix zu sehen sein. (Regie: Martin Scorsese, Buch: Steven Zaillian, Dauer: 209 Minuten)

Kommen wir zu einem weiteren Politikum: Wie sehen Sie den Umbruch in Hollywood durch die MeToo-Bewegung?

Ich hatte nie etwas von diesen Dingen mitbekommen. Natürlich erzählt man mir nicht, wenn jemand hinter verschlossenen Türen jemanden verführt, belästigt oder sogar missbraucht wird. Wahrscheinlich ahnte man, wie ich reagieren würde. Aber es ist Zeit, dass Hollywood etwas dagegen unternimmt! Mir wurde erst jetzt klar, wie verbreitet das Problem war! Natürlich hat man schon mal von einer Casting-Couch gehört oder so etwas … Vielleicht war ich zu naiv, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Leute so schreckliche Dinge tun, nur um jemanden ins Bett zu bekommen! Das verstört mich.

Kann Macht aus Menschen solche Seiten herauskehren?

Ich weiß nur: Schauspieler sind von Natur aus sehr sensibel. Wenn man ihnen eine Rolle verspricht, nehmen sie das sehr ernst. Man hat also eine große Verantwortung als Produzent oder Casting-Direktor. Ich finde es völlig inakzeptabel, diese Macht zu missbrauchen, indem sie Sex fordern. Zu sagen „Wenn du mit mir schläfst, werde ich dir diese Tür in Hollywood öffnen“ – das ist indiskutabel, undenkbar, untragbar! Gerade, weil ich es früher nicht gemerkt habe, bin ich jetzt umso aufmerksamer, wenn es um dieses Thema geht!

Sie greifen Trump und die US-Politik oft mit größter Deutlichkeit an. Entspricht diese Haltung Ihrer persönlichen Zivilcourage?

Wir alle wissen jetzt, was für ein Mensch Donald Trump ist. Als er gewählt wurde, war ich noch bereit, ihm eine Chance zu geben. Ich hoffte, dass er zumindest gute Absichten hat. Aber jetzt hat er unsere schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Meiner Meinung nach ist er eine Pest für unser Land. Die Republikaner sollten sich schämen, ihm so vieles erlaubt zu haben. Die Partei und er sollten das Volk repräsentieren – und sie haben versagt. Ihre eigene Agenda und ihr Machthunger führten dazu, dass sie diesen Menschen unterstützen und ihn so großmäulig daherreden lassen. Es ist eine Schande!

Sind Sie entschlossen, in Aktion zu treten?

Ich will mich nicht zur Zielscheibe machen. Aber wir müssen die, die so belogen wurden, davon überzeugen, dass man ihnen erst helfen kann, wenn sie nicht länger auf Trumps Versprechungen hereinfallen. Wer ihn jetzt noch unterstützt, tut das entweder aus Naivität, Informationsmangel oder aufgrund schlechter Bildung.

Sie haben Soziopathen, Psychopathen „und alle anderen Arten von Paten gespielt“, wie Scorsese mal über Sie sagte. Würden Sie auch Trump spielen?

Nie. Für jede Figur, die ich spiele, finde ich irgendwo etwas Mitgefühl. Ich beschäftige mich so lange mit ihnen, bis ich etwas finde, was sie mir nachvollziehbar macht. Bei Trump versuche ich jeden Tag auf Neue, etwas zu finden, was mir Mitgefühl abringt. Es gelingt mir nicht.

Was gibt Ihnen die Kraft für ihren herausfordernden Jobs? Sie sind mittlerweile auch 76 Jahre alt …

Kamillentee und ein guter Espresso. Abwechselnd. Das eine pusht mich, das andere bringt mich wieder herunter. Das wirkt Wunder!