Die in der Garlerie Thomas Schulte gezeigten Bilder waren seit über zwanzig Jahren in Deutschalnd nicht zu sehen. „Scott“, (Mapplethorpe, New York, 1978)
Foto: Mapplethorpe foundation/ Gal. Th. Schulte

Berlin-Ein Mausklick genügt: Mitten in der größten Alltagskrise, die uns seit Kriegsende 1945 derzeit mit der Corona-Pandemie heimsucht, konfrontiert die Berliner Galerie Thomas Schulte uns aus Gründen der Quarantäne-Empfehlung auch online mit den berühmten, apokalyptisch-schönen „X“, „Y“ und „Z“-Portfolios des US-amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe (1946-1989). Der Künstler starb an AIDS, seinerzeit galt die damals tödliche Krankheit als „Schwulenseuche“.

Teuflisch und schönheitstrunken

Es ist seit 1997 erst das zweite Mal, dass die kompletten Serien, mit jeweils 13 Fotos, in Deutschland ausgestellt werden. Auf schwarzer Seidendrapierung zeigt die Galerie mit der Serie „X“ Bilder aus der New Yorker homosexuellen Sado-Maso-Szene, mit der Serie „Y“ die erotischen Blumenstillleben und mit derm Portfolio „Z“ muskelstrotzende Aktporträts schwarzer Männer.

„Ken Moody“ (Mapplethorpe, 1985)
Foto:  Mapplethorpe foundation/ Gal. Th. Schulte

Zudem hat sich der amerikanische Theatermann und Sammler Robert Wilson als Kurator betätigt und für Berlin seine Auswahl an weiteren Fotos getroffen. Mapplethorpe, der Meister makelloser Penis-Ausleuchtung hatte zusehens nicht mehr weiße, sondern fast nur noch schwarze Männerkörper fotografiert. Das Skandalöse war ihm nie perfektionistisch genug, in seiner Kunst wie im – sexualisierten – Leben. Teuflisch, zugleich schönheitstrunken sind die Inszenierungen mit Latex und Atemschlauch, die sexuell aufgeladenen Blumen-Stillleben, die Anus- und Masturbations-Szenen. Sie verstören – diese Bilder des schwulen Narziss, dieses apollinischen Jägers mit Kamera und Peitsche und der dem Medium Fotografie damals herausfordernd die überfällige Anerkennung als Kunstform verschaffte.

Mehr als ein Provokateur

Die Bilder bieten eine scheinbar endlose Abstufung von Schwarz und Weiß, Schatten und Licht, Provokation und Eleganz. Viele entstanden im berüchtigten New Yorker Gay-Club „Mineshaft“, wo er nach eigener Aussage „nachmittags den abgefahrendsten Sex jenseits des alten Rom“ hatte und dann, in der Nacht, seine Fotos von marmornen bis stählernen Männerkörpern zelebrierte.

„Errol“ (Mapplethorpe, 1985)
Foto: Mapplethorpe foundation/ Gal. Th. Schulte

Aber war er wirklich nur der kalkulierende Provokateur? Die Bilder sagen auch, dass es dem Fotokünstler um radikale Reduktion, ja Vivisektion gegangen sein muss. Waren es anfangs aggressive Statements aus der dunklen Welt der homosexuellen Subkultur, belegen sie heute eher den Rückzug in einen Ästhetizismus. Der klassische Bildhauer-Kanon der alten Griechen, der Skulpteure um Michelangelo, der Klassizisten, hatte es ihm offensichtlich angetan. Aber auch all die kunsthistorischen Zitate inszenierte er im harten, kalten Studiolicht und trieb das Formale zum Exzess. Je näher er mit der Kamera den Körperteilen, der Haut, den Dingen rückte, desto mehr entfernte er sich davon. Als triebe ihn eine unendliche Sehnsucht nach Kälte und Leere.

Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24, Tel.: 2060 8990

Online-Ausstellung als 3D-Rundgang: artland.com/galleries/galerie-thomas-schulte

Link zu den Fotos: galeriethomasschulte.de/exhibitions/current-exhibitions/