Der Mantel schäbig, der Hut zerknautscht – so sehen wir Robert Pattinson als Georges Duroy mit dem Rücken zu uns in der ersten Einstellung des Films „Bel Ami“. Er steht vor dem Fenster eines Pariser Restaurants der Belle Époque um 1890. Drinnen feiert die Großbourgeoisie ein Bankett. Duroy geht es wie Gerhard Schröder 1998 vor dem Kanzleramt. Er will da rein. Am Ende ist er drin.

Dieses Eindringen macht das Thema von „Bel Ami“ aus, aber auch die Methode von dessen Titelfigur: Er schläft sich hoch. Beim ersten Mal (etwa in Minute sechs des Films) muss Duroy noch bezahlen dafür. Später lässt er sich bezahlen und heiratet reich.

Belle Époque und Bel Ami – schöne Zeit und schöner Freund – hängen zusammen. Wo sinnlicher Glanz mehr gilt als Aufrichtigkeit und wo Reichtum nicht mehr nach Herkunft befragt wird, werden Klassenunterschiede durchlässig. Geld und Erotik sind die Vehikel sozialer Mobilität.

"Bel Ami" zeigt sinnlichen Glanz

In der Schilderung dieses sinnlichen Glanzes lässt sich der Film nicht lumpen. Die Kamera von Stefano Falivene liebkost ein rosa Rosen-Bouquet genauso hingebungsvoll wie das Gesicht von Christina Ricci. Wie das Vormittagslicht im Hause Forestier sich perlgrau auf Wände und Kleider legt – das ist Augenkonfekt von routinierter Eleganz, wie sie die Salonmalerei von Giovanni Boldini damals kultiviert hat.

Dieser sinnliche Glanz genügt nicht sich selbst. Er kontrastiert die Verkommenheit der Umgangsformen. Anders als der Roman von Guy de Maupassant, der dem Drehbuch zugrundeliegt, zeigt der Regisseur Declan Donnellan von Anbeginn die Demütigungen, die der ehemalige Soldat Duroy durch die „bessere“ Gesellschaft erfährt. Bei Maupassant verwandelt sich dessen anfängliche Schüchternheit eher unmerklich zur Brutalität des Bel Ami. Demütigung, Armutsangst und eine proletarische Aufrichtigkeit mischen sich in der Hauptfigur zu Dynamit, das den sozialen Konsens der Formen sprengt, um Teilhabe am Luxus zu erzwingen.

Nur angedeutet, aber ungenügend ausgeführt, ist der tiefe Pessimismus des Romans: dass eine halt- und glaubenslos gewordene Zeit moralisch nichts gegen die Parvenüs in der Hand hat und dass eine Kultur brutaler Interessenverfolgung den Umgang miteinander zwar aufrichtiger, aber nicht lebenswerter macht.

Robert Pattinson mit Bartstoppeln

Die Sinnlichkeit von Robert Pattinson wird nach der Mode unserer Gegenwart ausgestellt, wenn Bartstoppeln seinem Gesicht mehr Kontur verleihen. Sein Mienenspiel ist so hilflos und verklemmt, dass man nicht weiß, ob man sich ärgern oder Mitleid haben soll. Leider ist auch Uma Thurman als Madeleine Forestier nicht viel besser. Sie findet für die Selbstbestimmtheit der Journalistengattin keine andere Attitüde als die einer Puffmutter.

Bei Kristin Scott Thomas als – streng katholische – Frau des Chefredakteurs ist das anders: Sie spielt die erotische Erniedrigung mit einem Ernst, der die Tragödie einer zerstörten Existenz sichtbar macht. Christina Ricci als Madame de Marelle ist die Perle des Films. Sie trifft mit ihrer ungezwungenen Herzlichkeit die Charakterzeichnung Maupassants ideal.

Bel Ami GB/Ital./Frankr. 2011. Regie: Declan Donnellan, Nick Ormerod. Mit Robert Pattinson, Uma Thurman, Christina Ricci u. a.; 102 Min., FSK ab 12.