Es geschieht alles ganz schnell. Dem Augenblick eignet nichts Magisches. Er passiert, ohne dass der Fotograf oder sein Modell sonderlich von ihm Notiz genommen hätten. Das ikonische Bild unterläuft ihnen gleichsam, als sie sich an diesem Morgen am Time Square treffen. Da es regnet, hat James Dean den Kragen seines Mantels hochgeschlagen. Auf die Zigarette in seinem Mundwinkel will er auch bei diesem Wetter nicht verzichten.

„Man macht ein Foto“, sagte Dennis Stock, der mit diesem Bild berühmt wurde (wenn auch nicht ganz so wie der Porträtierte), „aber erst danach erwacht es zu Leben.“ Im Augenblick nimmt die Kamera nur die Oberfläche wahr, die mythische Bestimmung enthüllt sich erst später. Anton Corbijns „Life“ handelt von der Diskrepanz zwischen Erlebnis und Bewusstsein. Der Titel meint freilich auch die Zeitschrift gleichen Namens, in deren Auftrag das Bild entstand und die dem Fotografen als der heilige Gral erschien, den es zu erobern galt.

Der Fotograf Corbijn versteht viel davon, wie man Ikonen ins Bild setzt – oder durch die eigenen Bilder zu Ikonen macht. Sein neuer Film ist allerdings kein Biopic über James Dean, sondern die Chronik einer Begegnung. Luke Davis’ Drehbuch führt in einen Schwebezustand, in dem noch nichts entschieden ist. Nicht von ungefähr ist die erste Szene in das Rotlicht einer Dunkelkammer getaucht, wo ein Bild Konturen annimmt. Im Kern geht es um eine zweifachen Entpuppung.

Dennis Stock (Robert Pattinson) ist geschieden, er fühlt sich fremd in Hollywood und hadert damit, nur Fotos von roten Teppichen schießen zu dürfen. Die Begegnung mit Dean (Dane DeHaan) ist der erste, der entscheidende Volltreffer seiner Laufbahn. Es ist ein spannungsvoller Tauschhandel, bei dem sich erst erweisen muss, ob er zu beidseitigem Nutzen führt. Der Fotograf glaubt, er würde der Karriere des Schauspielers auf die Sprünge helfen; dieser ist wiederum vom Gegenteil überzeugt. Beide haben Recht. Zunächst geht es ziemlich hin und her. Dean ist ein großer Verweigerungskünstler und Stock kein großer Verführer. Der Schauspieler will sich von nichts außer seiner Kunst vereinnahmen lassen; als er endlich bereit ist, hat der Fotograf seinen Traum schon fast begraben.

Aber der Bann, in den er sich begeben hat, ist zu mächtig. Er ist fasziniert von der Unschuld Deans, entdeckt in ihm eine ungelenke Verlegenheit, die sich nicht fälschen lässt. Das teilt sich im Film nur streckenweise mit, denn DeHaan wirkt reichlich manieriert in seiner Imitation von dessen schläfrigem Tonfall und lasziver Gestik. Das Zaudern nimmt man ihm indes ab, sein Streben, noch Abstand zu halten zwischen sich und dem Erwachsenenleben. Welche Tür er für Stock aufstößt – der Fotojournalist sollte fortan ein Chronist des Lebensgefühls aufbrechender Generationen werden –, muss man sich denken, denn Pattinson ahnt wenig von dieser Empfänglichkeit seiner Figur.

Dass das ungleiche Paar doch in einen Zustand der Selbstvergessenheit gelangt, in dem die schöpferische Intuition die Führung übernehmen kann, ist keine geringe Leistung des Regisseurs. Eine vergangene Epoche rekonstruieren zu müssen, inspiriert ihn zwar wenig. Jedoch kann er in „Life“ eine Summe seiner bisherigen Regiearbeiten ziehen. Er knüpft an ihre dramaturgischen Bewegungen an: die wehmütige Nahaufnahme des verlorenen Joy-Division-Sängers Ian Curtis in „Control“, das mulmige Klima des Belauerns in „The American“ und „A Most Wanted Man“.

Sein neuer Film findet zu sich, als er seine Protagonisten auf einer intimen Reise zu den Ursprüngen begleitet. Obwohl Dean dringend zur Premiere von „Jenseits von Eden“ erwartet wird, fährt er mit Stock auf die Farm seiner Familie in Indiana. Diese Abkehr von der Großstadt hin zur pastoralen Reinheit gerät zu einer puritanischen Selbstversicherung. Die Umgebung zu sehen, die Dean geprägt hat, beglaubigt dessen folkloristische Seite, von der seine Rollen in „Eden“ und „Giganten“ profitierten. Für Stock bedeutet dieses Schauspiel der Verwurzelung eine moralische Lektion: Von nun an ist er bereit, sich anderen stärker zuzuwenden und vor allem mehr Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Stocks Fotos freilich sind hellsichtiger: Wenn er festhält, wie Dean inmitten von Schweinen und Rindern auf seiner Conga spielt, zeigt er, wie fremd und vertraut zugleich sich Amerika sein kann.