Früher, da stand Robert Plant schon mal auf dem Balkon eines Hotels in L.A., die Arme ausgebreitet, die blonden Locken wallend ums Gesicht, und rief: „Ich bin ein goldener Gott“. Damals war er der Sänger Led Zeppelins, der in jeder Beziehung lautesten Band der Welt: So gewaltig ihr Sound war, so endlos die Soli und so erotoman Plants Kreischen, so verheerend war die Schneise der Verwüstung, die sie mit ihren sexuellen, drogeninduzierten und finanziellen Exzessen in die Rockmusik schlug.

„Hallo! Fußball! Alles gut?“ ruft Robert Plant am Mittwochabend fröhlich auf deutsch ins Zitadellenpublikum. Der 65-Jährige sieht aus wie ein zauseliger, stämmiger Althippie, die Mähne noch immer voll, der Bart grau, die Jeans und das blaue Hemd weit. „Wir sind die Sensational Space Shifters und spielen ein bisschen Blues und Country and Eastern“, sagt er launig.

Genau genommen kann man ihm dabei nicht widersprechen. Aber wie er mit seiner Band und dem gambischen Ritti-Virtuosen Juldeh Camara und seiner einsaitigen Fiedel diese schlichte Idee präsentiert, das ist bemerkenswert. Allein schon atmosphärisch. Denn wenn es etwas gibt, was man im Umfeld Led Zeppelins nicht erwartet, dann ist es Untertreibung. Nicht nur wegen der enormen Erfolge zu Lebzeiten und dem nachhaltenden Einfluss auf jeden härteren Rock seit Punk und Grunge, auf bekennende Fans wie Kurt Cobain, Jack White und sogar Madonna und Lady Gaga. Noch immer treffen alte Konzertmitschnitte, Kompilationen oder die jüngste Deluxe-Wiederveröffentlichung der ersten drei Alben auf pompösen Widerhall. Und als sich die 1980 aufgelöste Band 2007 für ein einziges Konzert in London wiedervereinigte, standen 20 Millionen Leute für die zwanzigtausend Tickets an.

In der Vergangenheit spielte Plant zwar gelegentlich mit Jimmy Page, seinem ehemaligen Partner und erbwaltenden Gitarrengott, zusammen, aber er verweigert sich stur dessen dauerhaften Wiedervereinigungsansinnen und beschäftigte sich stattdessen in verschiedenen Projekten mit der musikalischen Tradition, die einst den Zeppelin-Rock steigen ließ, mit Blues, Country und Folk. Diese gleichsam forschende Arbeit erkennt man nun auch bei den Sensational Space Shifters, mit denen er seit 2012 zusammenspielt.

Zwischen Westafrika und dem Mississippi-Delta

Plant unterscheidet sich dabei wesentlich von vielen alten Helden, die entweder die eigene oder die allgemeine Geschichte nur museal verwalten. In einem Manöver, das man durchaus dekonstruktiv nennen könnte, entsteht unter der Führung seines ganz großartig umsichtigen Gesangs ein Blues-Universum als aktueller Raum aus schillernden Möglichkeiten zwischen Westafrika und dem Mississippi-Delta, zwischen dem Hard-Rock-London der Siebziger und elektronischen Loops, Geräuschen und Beats. Letztere steuern vor allem Bassist Billy Fuller und Keyboarder John Baggot bei, die er sich aus Massive Attacks Tourband geholt hat; dazu kommen mit Skin Tyson und Justin Adams zwei brillante, stilistisch weltläufigst versierte, dabei stets banddienlich kontrollierte Gitarristen sowie der nicht weniger flexible Drummer Dave Smith.

Willie Dixons Klassiker „Spoonful“ – in alten Bluesrocktagen gründlich erledigt – leiten hier sparsame Keyboardblieps ein, das Brachialriff wird mit einer tief knarrenden, primitiven Gitarre gehauen, bevor Camaras Fiedel hell hervortritt und Plant hochreduziert und geisterhaft mit einem Halleffekt auf seiner Stimme spielt. Sein „Enchanter“ schubbert machtvoll als seltsamer Wüsten-Dub daher, bass- und keyboardsatt verhallt und zugleich hinterhältig metalhaft; in „Little Maggie“ vom anstehenden Album zieht die Band über afrokickende Drums und Countrybanjoplinkern nahtlose Linien zwischen keltischem, amerikanischem und afrikanischem Folk, und der Countryblues „Fixin’ to Die“ beginnt erkaltet, düster und böse und dröhnt dann über einem hüpfenden Beat mit Metalharmonien von den Gitarren. Ein Titel beginnt mit einem gezupften Solo Camaras, das erst zur Grundfigur eines prachtvoll zappelnden Juju-Rhythmus und dann merkwürdig einleuchtend zum Led-Zeppelin’schen „Black Dog“ wird.

Überhaupt streut Plant einige Klassiker ins Konzert. Nur erweitert er zum Beispiel ein original druckvolles „Whole Lotta Love“ in ein gespentisches Goth-Flüstern einerseits und eine Bo-Diddley-Variation andererseits, und statt einer Gitarre gniedelt Camara das Ding noch Richtung Afrika. Das klingt vielleicht nicht durchweg schön. Aber immer eindrucksvoll überzeugend und durchdacht. Es macht auch klar, warum Plant keine Lust auf eine Wiederbelebung seiner Monsterband hat: Er entdeckt lieber das verborgene Potenzial ihres Repertoires. Und zeigt dabei, warum der Weg vom goldenen Gott zum coolen Künstler kein Abstieg ist.