Arglos hatte man sich an einem schönen Tag auf den Weg gemacht, als ein internationaler Medien- und Technikkonzern zu einem „spektakulären Gang zwischen den zwei Türmen des World Trade Center in der schwindelerregenden Höhe von 410 Metern“ einlud. Nun weiß jeder, dass diese Türme bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zerstört wurden. Doch viele Jahre davor hat ein Hochseilartist genau das getan, wozu die Berichterstatterin nun nachempfindend gebeten wurde.

1974 erregte Philippe Petit weltweit mit einer Guerilla-Aktion Aufmerksamkeit: Am 7.August hatte der Franzose auf einem Hochseil zwischen den Türmen des World Trade Center (WTC) in New York balanciert. Das war illegal, Petit wurde verhaftet. Jahre zuvor war der Pariser Artist, Jongleur und Pantomime beim Blättern in einem Magazin auf ein Foto der noch im Bau befindlichen Zwillingstürme gestoßen, das ihn nicht wieder los ließ. So hatte sich Petit die Sache mit dem Höchstseil-Balanceakt in Übersee in den Kopf gesetzt.

Ein irrer Plan

Tatsächlich gelang sein irrer Plan, der später immer wieder auch andere Künstler fesselte. So erzählt etwa der Schriftsteller Colum McCann im Roman „Die große Welt“ von Petits Aktion; und der Regisseur James Marsh erhielt 2008 einen Oscar für seinen Dokumentarfilm „Man on Wire“. Philippe Petit selbst schrieb ein Buch über seinen Coup: „To Reach the Clouds: My High Wire Walk Between the Twin Towers“ (2002) und diente dem US-Regisseur Robert Zemeckis nun als Vorlage für dessen neuen Film „The Walk“.

Und hier kommen wir wieder zum Ausgangspunkt dieses Berichts: Mit seiner Einladung wollte der Mega-Konzern zweifellos schon mal aufmerksam machen auf diesen Film. Nun müsste einen „The Walk“ in seiner anfangs drögen Dramaturgie nicht weiter beschäftigen, aber dies ist ein Fall, der weit in die Zukunft reicht. Zemeckis schrieb 1994 mit „Forrest Gump“ Hollywood-Geschichte; mit „The Walk“ schlägt er gut 20 Jahre später wohl ein neues Kapitel in der Entwicklung des Kinos auf.

Zunächst fragt man sich als Zuschauer noch, was einem denn die romantisierende Inszenierung soll, die erst Petits Kinderjahre und dann das Paris der frühen 1970er quasi in Gold rahmt. Eine Stunde hält sich der Film mit dem frühen Werdegang seines 1949 geborenen Helden auf, der von Joseph Gordon-Levitt verkörpert wird. Man wird indes schlagartig wach, wenn „The Walk“ mit Petit und dessen eingeschworenen Mitstreitern nach New York wechselt und in die Zwillingstürme. Ja, man windet sich mitunter geradezu im Kinosessel, weil einem schwindlig wird.

Experiment mit Helm

Die Berichterstatterin hätte es ahnen können. Schließlich hatte sie vor der Vorführung des Films ein Ding namens Morpheus ausprobiert: Eine Art Sturzhelm, der die eigene Wahrnehmung der räumlichen Realität drastisch verändert. Noch ohne Morpheus auf dem Kopf sah sie bereits behelmte Kollegen taumeln und schockiert zurückzucken – vor drei nicht sonderlich großen Pappstellwänden mit Fotos vom WTC. Mit Morpheus auf dem Kopf wich jedoch auch die Autorin zurück – vor einem horrenden Abgrund zwischen zwei Türmen, die nur durch eine Holzplanke – nicht mal ein Seil! – verbunden waren. Nein, das könne sie nicht, sagte sie, blieb seitlich stehen und sah den Kollegen bei der plötzlich gar nicht mehr so fiktiven Mutprobe zu. Viele trauten sich, aber ein Drittel der Leute brach das Experiment ab – so wie die Berichterstatterin bei ihrem zweiten, allein schon wegen des gezeigten Willens heftig beklatschten Anlauf. Ein sehr sensibler Mann wurde ohnmächtig und aufgefangen; das Ganze war von Fachkräften begleitet. Die eigentliche Filmvorführung fand dann ohne Morpheus statt; aber die 3D-Brille hatte eine ähnliche Wirkung: Als Zuschauer steht man quasi mit Philippe Petit auf dem Seil.

Man könnte hier nun einiges ausführen über die Strategien der Hollywood-Filmstudios, das Film-Erleben der Zuschauer ständig zu sensationalisieren mit Effekten, die die Realität nicht nur simulieren, sondern überbieten. Dass die technische Entwicklung immer wieder neue Formen des Erzählens im Kino inspiriert und ermöglicht hat, ist indes ein alter Hut; man denke nur an die Monumental- und Bibelfilme, die im Zuge von Technicolor und Breitwand entstanden.

Noch nie gesehen

Das Kinopublikum nach der Jahrtausendwende ist ebenso vertraut mit digitalen Welten wie mit der Schauspielarbeit vor dem Green Screen und mit beider Montage. Bei „The Walk“ wurden dazu noch „innovative photorealistische Techniken und IMAX-3D-Zauberei“ verwendet, so etwas nebulös die Materialien zum Film. Gesehen hat man so was jedenfalls noch nie.

Doch Zemeckis stellt die Effekte in den Dienst einer klassischen, sogenannten emotionalen Geschichte – was insgesamt zu einem kuriosen Eindruck führt: Dem, dass die visuelle Entwicklung der Geschichte viel weiter ist als die narrative. Der Regisseur will „The Walk“ auch als Liebeserklärung ans World Trade Center verstanden wissen. Diese Liebe zum WTC trägt durchaus sadomasochistische Züge.