BerlinFür die vergangene Woche hatten sich das Deutsche Symphonie-Orchester und sein Chefdirigent Robin Ticciati viel vorgenommen: Vier Konzerte unter dem Titel „Wagner-Perspektiven“ sollten das DSO nicht nur mit einem der wichtigsten, aber in seinem Repertoire unterrepräsentierten Klangdenker der Musikgeschichte zusammenbringen, sondern auch Wagners Ausstrahlung in den französischen Raum nachgehen. Schöne Idee, dank Pandemie für den Papierkorb geplant.

Was als Rest am Sonnabend für den Livestream in der Philharmonie aufgeführt wurde, enthielt nur noch eine der geplanten Wagner-Nummern: eine von dem Dirigenten Erich Leinsdorf zusammengestellte „Götterdämmerung“-Suite, deren Übergänge irgendwie funktionieren, aber am Knirschen bemerkt man, dass Wagners Musik einen Diskurs führt, den man nicht ohne logische Sprünge in der entwickelnden Variation abkürzen kann.

Die Welt ward alt im letzten Teil des „Rings“

Ticciati dringt auf Transparenz und eine Brillanz des Klangs und der Phrasierung, die den dichten Orchestersatz erfolgreich durchlüftet, aber auch jene Schwere zum Verschwinden bringt, die zum Ausdruck dieses letzten Teils der „Ring“-Tetralogie gehört: Die Welt ward alt und trägt spätestens nach „Siegfrieds Rheinfahrt“ ächzend an dem, was in ihr schief gelaufen ist. So wie im Suiten-Verschnitt die motivischen Entwicklungen gekappt sind, so kappt Ticciati die expressive Entwicklung, die zum lastenden Klang dieser Partitur führte. Das eröffnet auf fragwürdige Art in der Tat Perspektiven.

Aber diese fanden sich im Rest des Programms so nicht wieder. Das 2020 entstandene „ionische Licht“ des österreichischen Komponisten Klaus Lang zeichnet zwar eine gegenüber Ticciatis Wagner-Interpretation noch gesteigerte Helligkeit aus, deren minutenlang glitzernde, dreiklangssatte Streicherfiguren reizvoll von mikrotonalen Schwebungen gefärbt werden – als „Wagner-Perspektive“ betrachtet wirkt diese zwar knappe, dennoch zähe Komposition indes verdünnt wie ein vierter Aufguss.

Zum anderen Extrem, zum Düsteren, Beschwerten neigt indes „Die Toteninsel“ von Sergej Rachmaninow, späteste Frucht der romantischen, vor Komplexität fast zusammenbrechenden Tonalität. Ticciati entwickelt die einzelnen Schichten des Tonsatzes auseinander, der Höhepunkt ist dank dieser Konsequenz von ergreifender Wucht – trotz analytischer Klarsicht verliert das Stück nicht seine Schwere.

Das Philharmonie-Innere wurde zur elementaren Skulptur

Die große Wagner‘sche Orchesterbesetzung wurde möglich, indem die Bläser in den Blöcken um das philharmonische Podium positioniert wurden. Die Bild- und Lichtregie von Frederic Wake-Walker wirkte innovativ weniger in der schattenhaften Präsentation der Musiker als in den bizarr ausgeleuchteten Perspektiven des Raums: Das Philharmonie-Innere erschien verfremdet zur elementaren Skulptur, zu kaum wiedererkennbaren Verschränkung bizarrer Formen und objets trouvées.