Robin Ticciati hat soeben seinen Vertrag mit dem DSO bis 2027 verlängert.
Foto: Dso/Mutesouvenir | Kai Bienert

BerlinSeit vier Jahren ist Robin Ticciati jetzt Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, soeben hat er seinen Vertrag bis 2027 verlängert. Für Publikum und Orchester ist das gleichermaßen Grund zur Freude, denn Ticciati vereint nicht nur Genauigkeit der Arbeit mit Begeisterungsfähigkeit, sondern schafft auch Raum für grundsätzliche Fragen des Musikmachens in der Institution eines Symphonieorchesters, sucht etwa nach Berührungspunkten mit Improvisation oder historischer Aufführungspraxis.

Zur Saisoneröffnung im Rahmen des Musikfests in der Philharmonie haben sich Ticciati und das DSO zum ersten Mal gemeinsam mit einer Beethoven-Symphonie auseinandergesetzt. Die Streicher haben ihre Instrumente mit Darmsaiten bezogen, Trompeten und Hörner sind mit ventillosen Instrumenten besetzt. Interessant ist, dass Ticciati sich trotzdem für eine relativ große Streichergruppe entschieden hat, jedenfalls aus der Perspektive der Originalklang-Ensembles gesehen. So entsteht ein etwas erdiger, körniger Gesamtklang, der gleichzeitig kantige Schroffheit und symphonische Weite vermitteln kann.

Die Einleitung zu Beethovens 4. Symphonie wird auf diese Weise gerade in einer Modernität erfahrbar, die schon auf Mahler vorausweist, auf dessen Tonbilder einer aus Starre zu Leben erwachenden Natur. Fahl zeichnen sich die Melodielinien über gehaltenen Akkorden ab, deren Wechsel gelenkt wird durch trockene, fast perkussive Pizzicato-Impulse. Der Übergang zu dem vital pulsierenden Allegro-Anfang gelingt Ticciati ohne banalen Knalleffekt. Er ist vielmehr: ein Moment der Befreiung, des Glücks, des lebendigen Überschwangs. Und dieser erste Durchbruch wirkt noch lange nach, nicht nur im ersten Satz, sondern bis in den letzten Satz hinein mit seinen Schreckmomenten, Erinnerungen an überstandene Gefahren inmitten des fröhlichen Gewusels. Ticciati macht daraus kein Virtuosenstück, sondern poetisiert es, wie die ganze, meist unterschätzte Symphonie, die man selten so beziehungsreich, so stimmig und gleichzeitig tief empfunden erleben kann.

Bartóks Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester ging dem Beethoven voraus, eine sinnvolle Ergänzung. Zwischen quirliger Urbanität und nächtlicher Versunkenheit misst das Stück unter ganz anderen Voraussetzungen doch ähnliche Dimensionen wie Beethovens Vierte aus, überwölbt ihre romantischen Untiefen ebenfalls mit einem Bekenntnis zur Klassizität. Mit dem Grau-Schumacher-Pianoduo sowie den Schlagzeugern Jens Hilse und Henrik M. Schmidt gelang eine fesselnde Darstellung, die ihre Höhepunkte in dem schattenhaften langsamen Satz fand, einer Welt seltsamer hyperpräsenter Klangzeichen zwischen Geräusch und gläsern körperlos schwebender Melodien.