Die Geigerin Lisa Batiashvili
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BerlinDumpfes Wummern aus der Bühnentür. Bald treten im Gänse- und Trauermarsch vier Trommler auf das Podium der Philharmonie, schwarze Hemden, schwarze Mund-Nasen-Maske, einen eintönig an- und abschwellenden Rhythmus schlagend. Auch die Musiker, die schon auf der Bühne sitzen, tragen Schwarz, und schwarze Tücher hängen auch von den Instrumenten der Trompeter herab, die dann im Wechselspiel mit den Trommlern einen Trauermarsch von Henry Purcell spielen. 

Auch Robin Ticciati trommelt mit, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO). Vom Instrument, das ihm am Bein hängt, wird er anschließend, bei Harrison Birtwistles „Cortege“, zur großen Trommel wechseln, zwei riesige Schlägel schwingend. Eine „Zeremonie für 14 Musiker“ ist Birtwistles Stück untertitelt: auch das ein Trauerstück, komponiert im Gedenken an einen Dirigenten, dessen leer gewordener Platz als Leerstelle erhalten bleibt. Einzeln treten die Musiker zum Soli hervor, das Zusammenspiel organisiert man untereinander, die Auftakte der großen Trommel setzen Wegmarken.

Wie soll man die Trauerlust beim DSO am Sonntagabend verstehen: Als Kommentar zum vergangenen dreiviertel Jahr, der in seiner Düsterkeit eher übertrieben wäre? Oder vielleicht doch nur als etwas theatralisch geratenen Versuch, einen kontrastreiches Programm zu gestalten? Denn bevor sich das Trauerschwarz zum Schluss in ein Trauergrau aufhellt, bei Ralph Vaughan Williams „Tallis-Fantasie“ – über ein Thema in phrygischer, also besonders traurig klingender Tonart – vor diesem Schluss reißt dieser Konzertabend auf wie die Wolkendecke, die plötzlich das Himmelblau freigibt.

In Sergej Prokofjews erstem Violinkonzert strahlt fast durchweg die Sonne: Die Vögel zwitschern, die Grillen zirpen, die Bäume rauschen und die Landleute versammeln sich in romantisch anmutendem Bild zum Tanz. Lisa Batiashvili, die Solistin, spielt ihren Part mit anrührender Natürlichkeit und so unverstellt, wie es Prokofjews hier ebenfalls kindlich unverstellte Musik braucht. Genießerisch spürt die Geigerin den klanglichen Aromen und Düften nach, wissend, dass zum Genuss auch das Maß gehört, dem Batiashvili ihr Spiel immer unterwirft. Ticciati, selbst mit Neigung und Fähigkeit zu spielerischer Duftigkeit, steigt ebenso freudvoll in die Aromatherapie mit ein wie seine Musikerinnen und Musiker.

Vielleicht geht es an diesem düster luftigen Abend auch einfach um die spielerische Auseinandersetzung mit dem leidigen, durch die Coronaauflagen entstandenen Thema Sitzordnung. Des Umbauens und Umherwanderns ist viel in diesem Konzert, auch bis für Vaughan Williams „Fantasie“ ein Streichquartett oben bei der Saalorgel zum Sitzen kommt und ein Streichnonett im hinteren Teil der Bühne. Raumeffekte, die unter Ticciatis Händen zu einem reich geschichteten Klanggeschehen beitragen.