Voller Musik sind die Sporthallen des Gebrüder-Montgolfier-Gymnasiums in Adlershof an diesem Sonntag: In der einen Ecke der Turnhalle gibt ein Drummer seinen Bandkollegen den Takt vor. In der Ecke nebenan warten die Streicher und Bläser eines Kammerorchesters auf ihren Einsatz, ihr Dirigent hat die Arme schon auf Schulterhöhe erhoben. Eine Etage höher, in einer Umkleidekabine, stehen Jugendliche dicht and dicht, singen unter Anleitung ein und dieselben Satz auf ganz verschiedenen Weise: mal leise, mal lachend, mal laut. Gleich sind ihre Stimmen warm genug für den Einsatz als Chor. In der nächsten Etage üben eine Handvoll Mädchen und Jungen einige Schlüsselszenen des Musicals „Rock it“. Draußen ist schönstes Badewetter, drinnen ruft Regisseur Daniel Axt: „Freeze“, englisch für Einfrieren.

Es gilt den jungen Schauspielern, die die Hauptdarsteller des Musicals sind. Sie halten in ihren Bewegungen inne und hören sich die Verbesserungsvorschläge des Regisseurs an. „Tragt nicht zu dick auf“, rät er ihnen. Dann spielen sie die Szene weiter. Es ist eine der letzten Proben vor der Premiere.

Vom 1. Juni an wird das Stück im Theater am Kurfürstendamm zu sehen sein. Das Besondere daran: Die Darsteller sind zum allergrößten Teil Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie gehören dem Verein Tamuthea an, der Name setzt sich aus den ersten Silben von Tanz, Musik und Theater zusammen. Den Verein haben Eltern aus ganz Berlin 2012 gegründet, um ihren Kindern eine Ausbildung in diesen Sparten zu ermöglichen. Seither treffen sich ihre Söhne und Töchter einmal die Woche zu einem dreistündigen Training und zu regelmäßigen Wochenend-Workshops unter Anleitung professioneller Schauspieler, Tänzer und Sänger.

80 Mitwirkende

„Relativ rasch entstand der Wunsch, das Gelernte auf die Bühne zu bringen“, sagt André Friedrich, der Vorsitzende von Tamuthea. 2015 haben mehr als 80 Mitwirkende „Rock it“ das erste Mal im Theater am Kurfürstendamm gezeigt, jetzt steht die Wiederaufnahme mit neuer Besetzung vor der Tür.

„Durch Tamuthea, durch die Auftritte habe ich viel Selbstbewusstsein gewonnen, am Anfang war ich sehr schüchtern“, sagt die 21-jährige Kira, die diesmal eine der Hauptrollen spielt. Die junge Frau aus Zehlendorf ist von Anfang an dabei. Ihre Mutter Violetta Wolf hat den Verein mitbegründet, gehört dem Vorstand an und kümmert sich seither unter anderem um die Kostüme. Andere Väter zimmerten die Bühnenbilder und helfen als Kulissenschieber. Die Eltern schultern auch das finanzielle Risiko, das mit den Aufführungen verbunden ist, für die auch Profis etwa für die Bühnentechnik engagiert werden.

Kira spielt in dem Musical ein Mädchen namens Julia. Sie ist eine preisgekrönte Nachwuchs-Pianistin und beginnt gerade ihr Studium an einer angesehenen Musikhochschule. Doch dann verliebt sie sich in einen Rocksänger, verliert die Lust an klassischer Musik und mutiert hinter dem Rücken ihrer Eltern und Lehrer zur Rock-Keyboarderin. Dabei hilft ihr ihre flippige Mitstudentin Francesca, während die intrigante Betty gegen sie arbeitet.

Vorlage für das Musical „Rock it“ ist der gleichnamige Kinofilm, der 2010 in den deutschen Kinos zu sehen war. Die männliche Hauptrolle spielte damals Daniel Axt, der heute als Regisseur der Bühnenversion bei Tamuthea tätig ist.

An diesem Wochenende kommt der 26-Jährige gerade von Dreharbeiten für ein neues Filmprojekt zu den Proben in dem Adlershofer Gymnasium. „Es ist nicht immer ganz einfach, alle Leute unter einen Hut zu bringen“, sagt er. Drei Dutzend Darsteller im Alter zwischen 7 und 22 Jahren wirken bei dem Musical mit, daneben das Kammerorchester Weißensee und Musiker der Zehlendorfer Band Kicker Dibs.

„Sing lässiger!“

„Das Schöne ist: Alle wollen ehrlich besser werden, legen sich voll ins Zeug“, sagt Daniel Axt, der selbst als Jugendlicher mit der Schauspielerei begonnen hat. „Ich gehe hier immer mit einem Lächeln raus.“ Dann springt der junge Mann von der Bank auf und eilt zum Darsteller des Nick, der männlichen Hauptrolle. „Sing lässiger, nicht so korrekt, deine Figur ist ein cooler Typ“, ermuntert er den jungen Mann, der den Sänger der Rockband spielt. Daniel Axt stimmt in den Gesang des Jungen ein, mit dieser Unterstützung fällt es dem Jugendlichen leichter, ohne Mikro in der Turnhalle zu singen.

„Jungs zu finden, die mitmachen, ist gar nicht so leicht“, sagt der Tamuthea-Vorsitzende André Friedrich, Fußballspielen sei in dem Alter einfach angesagter als Tanzen und Singen. Laurids aus Reinickendorf und Nando aus Kreuzberg sind trotzdem mit Begeisterung dabei, die beiden 14-Jährigen spielen im Musical das Rapper-Duo Megafett. „Vom Tanzen erzähl“ ich in der Schule einfach weniger, von der Schauspielerei mehr, die ist angesehener“, sagt Nando und berichtet ganz stolz, dass er auch schon einmal in einer ZDF-Krimireihe zu sehen war.

Der Traum, einmal groß rauszukommen, schwingt bei den Proben natürlich mit. „Wer von uns wird ein Star?“ heißt es in einem Song. Zwei, drei Leute von Tamuthea streben ernsthaft eine Karriere auf der Bühne an, sagt Friedrich. „Aber sie wissen, das ist kein Zuckerschlecken. Sie haben hier bei uns gemerkt, da steckt richtig viel Arbeit drin.“

Rock it - Vorstellungen vom 1. bis 11. Juni im Theater am Kurfürstendamm, Adresse: Kurfürstendamm 206/209, Preis: 20 Euro pro Ticket, bei Gruppen ab 15 Personen: 15 Euro pro Ticket. Mehr Infos im Internet unter www.rockit-dasmusical.de