Little Richard und seine Band, 1957.
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Berlin„Die erste Platte, die ich mir kaufte“, schreibt Nik Cohn 1969, „war von Little Richard und sie lehrte mich mit einem Schlag alles, was ich über Pop wissen musste.“ Die Botschaft lautete: „Tutti frutti, all rootie. A Wop bop a loo bop a lop bam boom!“Little Richard, einer der Pioniere des Rock 'n' Roll, ist tot. Er starb mit 87 Jahren, wie das Musikmagazin Rolling Stone am Samstag unter Berufung auf den Sohn des Musikers berichtete. Zur Todesursache war zunächst nichts bekannt.

Tatsächlich formulierte Little Richard mit seinem Schlachtruf von 1955 besser als jeder andere frühe Rock’n’Roller, worum es bei der neuen Musik ging. Nur nicht unbedingt in dem Sinn Cohns, den dieser in seiner frühen, nach der Botschaft benannten Geschichte des Rock’n’Roll vorschlägt. Für ihn reduziert sich die Bedeutung der Musik ganz aufs Erlebnis des singulären Moments. Hinter der scheinbar sinnlosen Folge von ekstatischen Lauten verbarg sich jedoch nicht weniger als ein codierter Ruf, die herrschende Ordnung, wenn schon nicht zu stürzen, so doch wenigstens ihre Logik für nichtig zu erklären. Und dies mit buchstäblich religiöser Inbrunst.

Geboren als Richard Penniman, wuchs Little Richard als Sohn eines Diakons in einer gläubigen Familie im tiefen Süden der USA auf; auch das Singen lernte er in der Kirche, bevor er, angeblich angespornt von einem ersten Honorar, das er als Vierzehnjähriger vom Gospelstar Sister Rosetta Tharpe für eine Gesangseinlage bekommen hatte, ins säkulare Fach wechselte, zum von den Eltern als Teufelszeug verdammten Rythm & Blues. Im Falle ihres Sohnes hatten sie recht: Nicht nur übernahm er blasphemisch die gesangliche Technik des Seufzens, Kreischens, In-Zungen-Sprechens in die Musik der Bars und Straßen; er travestierte in seinen Auftritten auch formal die dekorativen Aspekte der Gottesandacht zu einer schrillen, flamboyanten, zügellosen Performance.

Musikalisch blieb er sicher im Schatten von Pionieren wie Chuck Berry; der gestische und performative Aspekt wirkte indes nachhaltig. Jimi Hendrix, der Anfang der 60er-Jahre in seiner Band spielte, sagte: „Ich wollte mit der Gitarre das anstellen, was Little Richard mit der Stimme macht.“ Und auch die Anregung für seine psychedelischen Bühnenoutfits zeigen deutlich den Einfluss Little Richards mit seiner wilden Garderobe, den Tüchern und Turbans. „Er hat wie ich keine Angst, ein Freak zu sein“, lobte Little Richard seinen früheren Begleiter Hendrix.

Das sieht man noch bei Prince, der auffällig von Little Richard beeinflusst war und der die Botschaft „Tutti Fruttis“ auch in seiner sexuellen Vieldeutigkeit aufgriff. „Kein schwarzer Performer seit Little Richard spielte derart unverschämt mit den heterosexuellen Empfindlichkeiten Afroamerikas“, schreibt der Kulturkritiker Nelson George. Wobei die Selbstexotisierung wohl auch den jeweiligen Crossover-Appeal verstärkte, der den Songs Little Richards - wie „Long Tall Sally“ oder „Good Golly Miss Molly“ - in den Fünfzigern nicht nur globale Erfolge brachte, sondern auch in den segregierten USA an den Barrieren rüttelte.

„Tutti Fruttis“ Botschaft war indes im Original keineswegs so ungerichtet freakish, wie es schien: Statt „oh rootie“ (oder „oh Rudy“) lautete der Refrain zunächst „Good Booty“. Das aber, schreibt Sasha Geffen in „Glitter Up the Dark“, ihrer queeren Geschichte der Popmusik, sei wegen der schwulen Konnotation für die Veröffentlichung gestrichen worden: Richard erwähnt zwar beiläufig ein paar Mädchen, aber mit dem hellen Falsett des „Woo“ bleibt es ein zeitgenössisches Dokument queerer Euphorie. Eines, das die Beatles in ihrer Teenage-androgynen Übersetzung des Rock’n’Roll gelegentlich ebenso übernahmen wie Mick Jagger, den nicht nur Richards Make-Up inspirierte. Umgekehrt wirkten die Erfolge von Beatles, Hendrix und auch Prince als stete kleine Karriereboosts für Oldieeinsätze und Cameo-Auftritte von „Columbo“ bis „Baywatch“ und (als Stimme) bei den „Simpsons“. In einem Interview zum 80. Geburtstag befand Little Richard: „Mein Vermächtnis ist, dass es keinen Rock’n’Roll gab, als ich anfing; erst mit „Tutti Frutti“ fing Rock an wirklich zu rocken“.

Little Richards Verhältnis zu seiner queeren Identität blieb allerdings dank der religiösen Prägung, wie es scheint, gebrochen. Wegen der „effeminierten“ Erscheinung, die durch den wegen einer leichten Behinderung schaukelnden Gang verstärkt wurde, sah er sich schon als Kind Hänseleien ausgesetzt; der Vater hatte ihn, schrieb er in seiner Autobiografie, wegen seiner Homosexualität schon mit 15 aus dem Haus geworfen. Aber schon Ende der 50er-Jahre wandte er sich für einige Zeit wieder dem Gospel zu. Nach dem Comeback ein paar Jahre später erklärte er sich für einen Voyeur (der schon mal auf der Herrentoilette verhaftet wurde), für bi-interessiert, für „omnisexuell“ und schließlich für schwul - nur um 2017 in einem religiösen Rückfall Homosexualität und Transgender als unnatürlich zu geißeln.

Nun ist er, schon länger gesundheitlich angeschlagen, mit 87 Jahren gestorben. Bryan Ferry erklärte dazu dem Guardian: „Er traf meine Generation wie ein Blitzschlag.“ Und Patti Smith schrieb auf Instagram: „Nichts war mehr wie zuvor, nachdem ich seine aufregende und aufgeregte Stimme zum ersten Mal gehört hatte.“