Die Band The Pretenders mit den aktuellen Mitgliedern Nick Wilkinson (v. l.), James Walbourne, Chrissie Hynde und Martin Chambers.
Foto: Matt Holyoak

Als die britische Band The Pretenders Ende der 70er-Jahre die Szene betrat, fühlte es sich bereits an wie ein Comeback. Der Sound verwies zurück in die 60er, was wohl nicht zuletzt auch daran lag, dass der erste größere Hit der Formation um James Honeyman-Scott, Pete Farndon, Martin Chambers und Chrissie Hynde eine Coverversion des Kinks-Klassikers „Stop Your Sobbing“ war. Der Eindruck der Vertrautheit, den die Pretenders von Beginn an vermittelten, wurde noch durch den Bandnamen gesteigert, den Chrissie Hynde einem Song von Platters entlehnt hatte, der nicht zuletzt durch die Version von Sam Cook bekannt geworden war: „The Great Pretender“. Von Retro sprach man damals noch nicht.

Und irgendwie strebte ja auch alles vorwärts. Der geradlinige Beat verband sich mit einer ruppig-aufgeräumten Punk-Attitüde der aus Ohio stammenden Chrissie Hynde, die mit ihrer weiblich-selbstbewussten Schnörkellosigkeit einen rauen Ton vorgab, meist besänftigt durch deren angenehm warme Gesangsstimme. Die Pretenders gefielen schließlich weniger durch ihren harten Rock als durch eine auffällige Neigung zum Balladesken.

Bei aller positiven Energie, die sie ausstrahlten, waren die Pretenders doch auch Kinder ihrer selbstzerstörerischen Zeit. Honeyman-Scott und Farndon starben infolge schwerer Drogenabhängigkeit 1982 und 1983, der Pretenders-Hit „Back On The Chain Gang“ ist Honeyman-Scott gewidmet. Es folgten Unterbrechungen, Kunstpausen, Neuanfänge. Die tierschützerisch engagierte Chrissie Hynde, die einige Zeit mit dem Kinks-Gründer Ray Davis liiert war und mit ihm eine gemeinsame Tochter hat – eine weitere Tochter hat sie mit Jim Kerr, dem Sänger der Simple Minds –, war zu Beginn der 80er-Jahre fest in der Londoner Musikszene etabliert und sorgte auch jenseits der Pretenders für Furore, am wirkungsvollsten in der 1985 zusammen mit UB40 eingespielten Reggae-Fassung „I Got You, Babe“ von Sonny und Cher. Es ist bis heute das Stück mit dem größten Wiedererkennungswert und trug der ausgeprägten Vorliebe Hyndes für Cover-Versionen Rechnung, die die Band mit nur geringen Veränderungen an den jeweiligen Zeitgeist anpasste. Es gibt auch ein bemerkenswertes Duett mit Chrissie Hynde und Frank Sinatra, dem sie bei den jeweils getrennt erfolgten Aufnahmen aber nicht getroffen hatte. In dem Swing-Stück „Luck Be A Lady“ zeigt Chrissie Hynde, wie wenig sie auf die Rockattitüde angewiesen ist.  

Das neue Album „Hate For Sale“ ist das inzwischen elfte Album der Pretenders. Trotz der mehr als 40 Jahre, die seit der Gründung vergangen sind, – der heutige Gitarrist James Walburn war beim Start der Pretenders gerade  geboren –  erweckt es nach den ersten Takten den Eindruck, als wollten sie genau dort weitermachen, wo sie ein paar Jahre zuvor aufgehört haben. Das Titelstück „Hate For Sale“ ist eine kurzarmige Reminiszenz an die Punk-Ära, aber schon im nachfolgenden „The Buzz“ singt Chrissie Hynde, auf deren Dominanz als Sängerin das Album noch stärker als frühere Aufnahmen der Pretenders zuläuft, von der nachhaltig wirkenden Droge Liebe. Das Drängen der frühen Jahre klingt an, aber eher elegische Stück wie „You Can’t Hurt A Fool“ und „Crying In Public“ schlagen skeptisch-bilanzierende Töne an. „She’s on the train, alone there she sits/Sobbing her heart out/Falling to bits“. Die Pretenders haben ein nur scheinbar zeitloses Album gemacht. Unterschwellig fragen sie sich wie wahrscheinlich viele ihrer Fans, wo all die Jahre geblieben sind. Chrissie Hynde, in Würde ergraut, hatte halt anderes zu tun. Und „Hate For Sale“, der Titel? Hass gibt es bei den Pretenders nicht besonders günstig, eher wird er als Auslaufmodell angesehen. Wenn sie sich da nicht täuschen.

The Pretenders – „Hate For Sale“ (BMG), erscheint am 17. Juli