Rocklegende im Berliner Olympiastadion: AC/DC zündet Hardrock-Feuerwerk in Berlin

Wer kennt sie nicht, die verruchte Rockkneipe in der Stadt. Harter Sound tönt aus den Lautsprechern, die Luft ist schwer verraucht, und es dauert mindestens so lange bis man sich erstmal an den Tresen vorgekämpft hat, wie es sich hinzieht, bis der Barmann oder die Barfrau so gnädig ist und einen endlich bedient.

Die Gäste tragen Leder und Jeans, und fast jeder hat die Logos seiner Lieblingsband auf der Kleidung: Motörhead, Kiss, Slayer, Led Zeppelin und natürlich AC/DC, die Kultband aus Australien, jene der Legende nach in einer Silvesternacht 1972 gegründete Hardrock-Institution der Young-Brüder Angus und Malcolm, die aus lauten, minimal gespielten Blues-Rock-Riffs eine extrem schmissige Kneipenmusik für die Ewigkeit kreiert haben.

AC/DC sind neben der britischen Prog- und späteren Popband Genesis die wohl einzige Band in dieser Größenordnung, der der schicksalsbedingte Wechsel ihres Lead-Sängers nicht das Ende der Band-Karriere, sondern einen ewigen Platz im Rock-Olymp beschert hat.

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Am Donnerstag traten AC/DC im Rahmen ihrer „Rock or Bust“-Tour im Berliner Olympiastadion auf, und man kann durchaus sagen, dass die Arena im Westen der Stadt während des Konzerts durch das angereiste Publikum zur größten Raucherkneipe Deutschlands wurde. Und was man sicher auch mit Fug und Recht behaupten kann: Es war das mit Abstand lauteste Konzert dieses noch jungen Open-Air-Sommers.

Während man bei vielen Konzerten unter freiem Himmel zwischen Tempelhofer Flughafen und Zitadelle Spandau oft den letzten Schmiss vermisst, wurde man von AC/DC auf dem zugedeckten Sportrasen in sämtlichen Frequenzbereichen in erstaunlicher Lautstärke einfach nur weggeblasen. Wer zu AC/DC mit Ohrenstöpseln geht, der kann genauso gut mit einem weißen Anzug in eine KFZ-Werkstatt gehen. Der Sound ist dreckig und laut und funktioniert nur mit Übersteuerung

Die gefühlten 100 000 Menschen im Stadion sind gekommen, um die buchstäbliche Sau rauszulassen. Selten hat man so viele Frauen und Männer mit Ein-Liter-Bierbecher in der einen und einer Fluppe in der anderen Hand so verzückt zu Rockmusik tanzen gesehen.

Sänger Brian Johnson, der den verstorbenen Bon Scott 1980 ersetzte, ließ beim Publikum von Anfang an keinerlei Zweifel aufkommen: Hier stehen die Götter des Hardrock auf der Bühne. Und Solo-Gitarrist Angus Young sprang von Anfang an in gewohnter Schuljungenmontur herum und ließ seinen Mund dabei immer ein wenig aussehen wie den eines Jungfrosches, der nach Luft schnappt.

Wilde Gerüchte

Dabei hatte vieles, was man von der Band in den letzten Monaten hörte, nicht so gut geklungen: Etwa die Anschuldigung, dass ihr suspendierter Schlagzeuger Phil Rudd seinem ehemaligen Assistenten angedroht haben soll, ihn umzubringen, sogar eine Art Kopfgeld auf ihn ausgesetzt haben soll. Und das angeblich nur, weil im letzten Jahr sein erstes Solo-Album „Head Job“ gefloppt ist. Oder die wilden Gerüchte um die Demenz-Krankheit des Gitarristen Malcolm Young, der leider nicht mehr in der Lage ist mit der Band zu musizieren, und nun von seinem Neffen Stevie Young ersetzt wird.

Von all diesen Problemen war im Olympiastadion nichts zu spüren. Hier wurde konsequent Riff für Riff abgefeiert. Vom vielleicht größten Hardrock-Lick der Rock-’n’-Roll-Historie in „Back in Black“, über den größten MTV-Hit ihrer Geschichte „Thunderstruck“, den satanistischen Glocken in „Hells Bells“ bis hin zur ewigen Outlaw-Hymne „Highway to hell“.

Wer die Gleichförmigkeit der Lieder, mangelnde kompositorischer Finesse oder fehlende Abwechslung im Repertoire bemängeln wollte, der hat AC/DC nicht verstanden. Hier ist Stumpf wirklich Trumpf, und dieses übermächtige Lebensgefühl, das diese Band live in Spielfilmlänge ihrem Publikum einimpfte, ersetzt auf diesem Planeten ganze Armeen von Psychotherapeuten. Denn das, was AC/DC ihrem Publikum mit ihren Songs immer wieder predigen, ist: Wir alle sind kleine Schweine – aber wir machen das Beste draus. Und egal welchen Bockmist du auch immer in deinem Leben verbrochen haben magst: Nimm jetzt Gott verdammt noch mal dieses geile Gitarren-Riff und hör auf zu jammern: Der Rock hat dir verziehen.

Wer übrigens in der Rockerkneipe sein erstes Bier ergattert hat, der wird feststellen, dass er das Zweite ganz schnell und freundlich serviert bekommt. Und wenn er später zahlen will, bekommt er nicht selten einen Schnaps aufs Haus. Rock ist und bleibt eben Vertrauenssache.