Berlin - Ihr Song „Take Me Out“ läuft immer noch auf jeder guten Indie-Party. Nun sind die Schottenrocker Franz Ferdinand zurück mit ihrem fünften Album „Always Ascending“, das sie am 7. März live im Tempodrom vorstellen. Die Band hat sich einen neuen Look, zwei neue Bandmitglieder und mit Philippe Zdar (unter anderem Phoenix, Justice) auch einen Spitzenmann an den Studioreglern zugelegt. Sänger Alex Kapranos (45) verrät, warum er sich in Berlin so sehr willkommen fühlt und wieso er das britische Königshaus nicht ausstehen kann.

Mr. Kapranos, zum neuen Franz-Ferdinand-Album lässt sich gut tanzen. Haben Sie diesbezüglich schon die Berliner Clubs ausgetestet?

Na, klar! Ich komme seit 20 Jahren regelmäßig hierher. Ich liebe es, den Berliner Party-Leuten im Club dabei zuzusehen, wie sie beim Tempowechsel der Songs über ihre eigenen Füße stolpern. Doch meine wilden Partyzeiten sind vorbei. Ich habe mir sogar geschworen, bis zu meinem Geburtstag am 20. März keinen Alkohol anzurühren. Das wird nicht einfach in so einer aufregenden Stadt wie Berlin. Aber Spaziergehen ist das neue Partymachen.

Im Ernst?

Mit einem Freund aus Neukölln habe ich neulich einen längeren Spaziergang in Berlin unternommen. Man kann dabei prima Gespräche führen, weil es dir einen klaren Kopf gibt. Ich gehe viel zu Fuß. Die ganze Band eigentlich. Wir sind während der Aufnahmen in Paris und Glasgow echt viel zusammen gelaufen, was uns enger zusammengeschweißt hat.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal Berlin?

Sehr gut sogar. Das war noch vor der Gründung von Franz Ferdinand mit der Band The Karelia. Wir sollten in einem Club nahe des Bahnhof Zoo spielen. Der Frühling war im Anmarsch, und die Bäume sonderten fleißig ihre Pollen ab. Ich bekam eine fürchterliche Asthma-Attacke und musste ins Krankenhaus transportiert werden. Das allein war schon ein ordentlicher Schreck, aber dann kam noch ein zweiter.

Inwiefern?

Ich wurde von einem jungen Arzt behandelt, der dann irgendwann zu mir sagte: „Nun müssen wir noch den Zettel für ihre Krankenversicherung ausfüllen.“ Ich guckte ihn voller Entsetzen an, denn ich hatte damals noch keine Krankenversicherung. Ich sollte deshalb für die Behandlung selbst zahlen.

Aber das konnten Sie als junger Musiker nicht?

Nein, ich hatte überhaupt kein Geld. Und der Arzt meinte lässig: „OK, also Sie müssten dieses Formblatt mit all Ihren Details ausfüllen, damit wir Sie finden können, um Ihnen die Rechnung zu schicken.“ Und er holte aus und erzählte, dass es tatsächlich schon passiert sei, dass Leute in die Felder Fantasie-Namen wie Mickey Mouse oder Ronald Reagan eingetragen hätten sowie irgendeine Adresse, die nicht existierte, was natürlich eine schreckliche Sache sei… „Aber was können wir dagegen tun?“, lachte er. Und ich dachte nur: Hier ist einer, der seinen Job aus genau den richtigen Gründen macht! Ich war ihm so dankbar, weil er mir einfach nur helfen und mich behandeln wollte. Ich bin immer noch voller Bewunderung für diesen Mediziner.

Darf ich fragen, welchen Fantasie-Namen Sie sich gegeben haben?

(lacht) William Wallace! Das ist ein schottischer Ritter, der zum Anführer während der schottischen Unabhängigkeitskriege wurde.

Nicht schlecht für den ersten Berlin-Trip!

Es war das perfekte Willkommen in Berlin! Und es scheint sehr der Berliner Attitüde zu entsprechen. Die Art, wie der Arzt das rüberbrachte, war knochentrocken. Für mich ist das seit jeher der Berlin-Style – dieser außergewöhnlich trockene Humor und diese eigenwillige Art, sich zu vermitteln. Ich liebe das. Ich bin selten so warm und perfekt von einer Stadt willkommen geheißen worden. Und ich weiß: Hinter all der Coolheit von Berlin versteckt sich eine Menge Warmherzigkeit.

Und deshalb schreiben Sie jetzt Lieder über das britische Gesundheitssystem NHS?

Das National Health System hat mein Leben gerettet – vier oder fünf Mal sogar! Ich bin chronischer Asthmatiker. Als Kind wurde ich bereits mehrmals mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht. Ich habe viel Zeit im Hospital verbracht. Wenn das staatliche Gesundheitssystem in Großbritannien oder anderswo zur Diskussion steht, ist mir das einen Song wert. Denn ein funktionierendes Gesundheitssystem ist Teil einer menschlichen Zivilisation. Ebenso gehört für mich dazu, sich um die Armen zu kümmern, damit sie Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf haben. Und allen Menschen Bildung zu ermöglichen. Wenn man heutzutage nach Amerika blickt, scheint durch Trump all das Erreichte in Gefahr zu sein. Er zerstört alles, was Obama verbessert hat diesbezüglich.

Die Lieder Ihres neuen Albums klingen dennoch euphorisch. Wollen Franz Ferdinand die bedrückende Stimmung in der Welt einfach wegfeiern?

Das ist wohl so. Man kann gar nicht anders, als darauf zu reagieren, was momentan in der Welt geschieht. Fast jedes Wahl-Ergebnis der letzten zwei Jahre hat nichts als Verzweiflung und Uneinigkeit gebracht – das bereitet mir wirklich Sorge. Die einzige Wahl, die mir etwas Hoffnung gab, war die in Frankreich, als Le Pen nicht gewonnen hat. Lass uns mit dem Brexit gar nicht erst anfangen! Oder mit dem orangeroten Tycoon auf der anderen Seite des Atlantiks, der den Finger am Atomkriegsknopf hat! Es ist, als würden alle Alpträume wahr werden. Und es scheint die richtige Zeit zu sein, um sich den Schrecken von der Seele zu tanzen. So nach dem Motto: Jetzt feiern wir erst recht, was am Leben gut ist.

Es gibt auch Verluste bei Franz Ferdinand: Ihr in Bayern aufgewachsenes Gründungsmitglied Nick McCarthy, der das Publikum gern mit seinen spaßigen deutschen Ansagen begeisterte, hat die Gruppe verlassen.

Ja, es ist schade, aber Nick wollte mehr Zeit für seine Familie haben. Er war in der Tat unser deutscher Botschafter! Ich werde die Verantwortung für den Deutschgehalt bei Franz Ferdinand nun weiterreichen an Paul (Thomson, Schlagzeuger von Franz Ferdinand, Anm. d. Red.) – den Linguisten der Band. Ich fordere alle dazu auf, sein Vokabular auf der anstehenden Tour zu testen.

Wo sich Franz Ferdinand doch nach einem Adeligen benannt haben: Bedeutet Ihnen die bevorstehende Hochzeit von Prinz Harry mit Meghan Markle eigentlich etwas?

Mir? Nein! Aber schön für ihn! Megan Markle scheint eine coole Frau zu sein. Ich bin allerdings kein Fan der Königlichen Familie. Es ist ein Anachronismus, der uns in die Zeit zurückwirft, in der Diebstahl am Volk begangen wurde. Und das Königshaus ist heute sowieso total irrelevant. Ich finde es sogar richtig peinlich, dass wir eine Königsfamilie haben. Und ich habe das Gefühl, dass Prinz Harry es manchmal auch peinlich findet, Teil davon zu sein.

Wirklich?

Ja! Das gefällt mir so an ihm und seinem Bruder: Sie stammen aus einer Generation, in der ihnen die Bedeutungslosigkeit des Königshauses sehr bewusst ist. Sie wissen, dass es wohl nur noch ein paar Jahre dauern wird, bis es Veränderungen geben wird. Ich habe die Hoffnung, dass sie den Scheiß mit Würde auflösen werden, wenn es so weit ist. Das hätte längst geschehen müssen.

Sind Sie eigentlich der „Lazy Boy“, den Sie auf der Platte besingen?

Der bin ich tatsächlich! Als Künstler und Mensch, der kreativ ist, braucht man die Faulheit. Denn das ist die Zeit, wenn der Vorstellungskraft Flügel wachsen. Daraus entstehen meist die besten Ideen. Das Lied ist ein Aufruf dazu, die eigene Faulheit zu umarmen und zu feiern. Du kannst an einem anderen Tag hart arbeiten! Aber wenn du faul bist, mach es richtig – nämlich ohne schlechtes Gewissen.