Die große Entertainer-Geste hat Rod Steward voll drauf, Glitzerjacketts inbegriffen. Dennoch scheint er sich dabei auch über sich selbst zu amüsieren.
Foto:  dpa/Rolf Vennenbernd

LondonWenn man die pop-archäologische Exkursion unternimmt und das kantige Bluesalbum „Long Player“ von den Faces mit den hymnischen „Sailing“-Klängen vergleicht, die Rod Stewart über 40 Jahre zu einem der populärsten Sänger überhaupt gemacht haben, dann bringt man beides nur schwer zusammen. 

Dabei waren es der spätere Stones-Gitarrist Ron Wood und Rod Stewart, die erklärtermaßen angetreten waren, aus den munteren Small Faces („Lazy Sunday“, „Here Comes the Nice“) eine erwachsene Rockband zu machen. Die Zeit des Drei-Minuten-Beat war vorbei, und die Faces schienen bereit, in die experimentierfreudigen 70er-Jahre einzutreten.

Video: YouTube

Rod Stewart: Mit weißem Blues fing alles an

Mit dem Bedürfnis nach Selbstentfaltung nahmen aber auch die Identitätskrisen zu, und die die übrigen Mitglieder der Faces waren es bald leid, bloß eine Begleitband von Rod Stewart zu sein. Kein großer Pop ohne gegenläufige Ego-Strategien. Also war es Mitte der 70er-Jahre bereits wieder vorbei mit den Faces, auch wenn Rod Stewart einige seiner Bandkollegen noch manches Mal für seine Soloalben anheuerte, von denen die ersten bereits während der Zeit mit den Faces entstanden waren.

Der Durchbruch als Solokünstler gelang mit dem Album „Every Picture Tells a Story“, von dem auch die Single-Auskopplung „Maggie May“ stammt, das bis heute zum Repertoire der Live-Auftritte von Rod Stewart gehört. Der am 10. Januar 1945 in London-Highgate geborene Rod Stewart hat seine Anfänge im weißen Blues nie verleugnet, den er von seinem Lehrmeister Long John Baldry in der gemeinsamen Zeit Ende der 60er-Jahre mit dem Gitarristen Jeff Beck adaptiert hat.

Video: YouTube

Erlahmtes Avantgarde-Bedürfnis

Aber je mehr es auf die popkulturellen Wellen der 80er-Jahre zulief, wurde deutlich, dass sein Bedürfnis nach Avantgarde erlahmt war und Rod Stewart sein Publikum vor allem durch seine Live-Auftritte zu binden verstand. Mit rauer Stimme und struppiger Haarpracht wurde er zur Sehnsuchtsfigur alleinstehender Frauen mittleren Alters, für die er Melodien zum Schwelgen schuf. Er hatte Gefallen daran gefunden zu gefallen. „Baby Jane“, „Do Ya Think I’m Sexy“ – Sie wissen schon …

Video: YouTube

Dabei kam ihm sein erstaunliches Gespür für gute Songs zur Hilfe. Seinen Hit „The First Cut is the Deepest“ hatte Yussuf Islam, als dieser noch Cat Stevens hieß, ursprünglich für die Sängerin P. P. Arnold geschrieben. Erst in der Version von Rod Stewart wurde das Stück zu einem Welthit, obwohl P. P. Arnold ihm eine sehr viel intensivere Dimension weiblicher Verletzlichkeit verliehen hatte. Das große Geheimnis von dem anhaltenden Erfolg Rod Stewarts besteht aber wohl gerade darin, die emotionale Eindringlichkeit einzelner Songs in ein allgemein zugängliches Format zu überführen. Drücken die Stücke „Tom Traubert’s Blues (Waltzing Mathilda) und „Downtown Train“ in der ursprünglichen Version von Tom Waits immer auch das Gefühl existenzieller Not aus, die Tom Waits allein durch seine Anti-Singstimme herausbrummt, so entlässt Rod Stewart die Stücke aus der Nische und bereitet sie fürs unterhaltsame Abendprogramm auf. Es tut mir, wenn ich „Downtown Train“ von Rod Stewart höre, immer auch ein wenig weh, dass er das Waits-Original so süßlich dahinplätschern lässt.

Solo auf dem Weg zum großen Erfolg: Rod Stewart im Jahr 1976
Foto: dpa

Und doch kann ich eine gewisse Grundsympathie nicht verhehlen, wenn Rod Stewart, mit was auch immer, gerade im Radio erklingt. Das gilt natürlich auch für Livekonzerte, zu denen die große Entertainer-Geste mit mehreren Glitzer-Jacketts unvermeidlich ist. Inzwischen aber trägt er all das mit heiterer Lässigkeit und amüsiert sich selbst am Meisten darüber, wenn eine aufwendige Choreografie auch schon mal daneben geht.

Rock 'n'-Roll will raus - und machmal auch rein

Was den privaten Lebensentwurf angeht, ist Rod Stewart zweifellos auch ein Überlebender der wilden Rock-Ära, deren Protagonisten bemüht waren, sich so auffällig wie möglich zu verschwenden. Die Künstlerexistenz hat Rod Stewart, der mit dem FC Watford auch schon einmal einen Profi-Klub sponserte, aber auch demütig gemacht. Nach zwei überstandenen Krebserkrankungen freut er sich, immer noch da zu sein, und seine mit ihm älter gewordenen Fans nehmen ihm dankbar den Vorrat an Melodien ab, die  ihr Leben wie gute Bekannte begleitet haben. Doch manchmal bricht sich die frühere Impulsivität Bahn. Weil sie in Florida keinen Einlass auf eine Silvesterparty erhielten, sollen Rod Stewart und sein Sohn Sean vor wenigen Tagen in einem Hotel in Palm Beach handgreiflich geworden sein. Rock ’n’ Roll muss immer noch raus, auch wenn einer bloß rein will.