In den letzten Junitagen des Jahres 1934 geriet das Deutsche Reich in seine letzte große innenpolitische Krise: die „Röhm-Affäre“. Anders, als es die heute noch verbreitete Legende will, ging es dabei nicht um einen drohenden Aufstand der SA gegen die Berliner NSDAP-Führung. Der angebliche „Röhm-Putsch“ war vielmehr Ausdruck des Geflechts von Intrigen, mit denen sich die unterschiedlichen Interessengruppen im Umkreis der Berliner Regierung bis aufs Messer bekämpften. Sein eigentlicher Hintergrund waren Brüche in der Koalition von Konservativen und Nationalsozialisten, mit der im Januar 1933 die „nationale Revolution“ eingeläutet worden war.

Die konservativen Kreise um Hitlers Vizekanzler Franz von Papen, allesamt Vertreter der alten Eliten, reagierten empfindlich auf den Führungsanspruch der Subalternen aus der NSDAP. Zugleich fühlten sich die braunen Massen weiter von der Macht ferngehalten, die SA drängte auf eine „zweite Revolution“. Hitler gab dem Druck der Eliten scheinbar nach. In einer mörderischen Säuberungsaktion wurde die SA entmachtet. Doch zeitgleich wurde auch die konservative Konkurrenz ausgeschaltet. Damit war der Aufstieg des Faschismus in Deutschland vollendet. Nicht der 30. Januar 1933 war das dafür entscheidende Datum, ausschlaggebend war eine Phase von 1932 bis 1934. In dieser Zeit hatte der „jungkonservative“ Kreis um von Papen die Republik zerschlagen und Hitler den Weg zur Macht geebnet. Im Juni 1934, als sie dachten, die NSDAP gebändigt zu haben, verloren sie die Kontrolle. Hitlers Aufstieg war ein Pyrrhussieg der Jungkonservativen.

Hitler als Dienstleister

Diese wenig bekannte, in der Oberschicht exzellent vernetzte konservative Erneuerungsbewegung kämpfte für die vollständige Zerschlagung des Parteienstaates. Gerade erst hat der Kölner Historiker André Postert in einer lesenswerten Studie nachgezeichnet, wie die jungkonservativen Versuche zur Errichtung eines autoritären Ständestaats der Weimarer Demokratie zum Verhängnis wurden (Nomos: Baden-Baden 2014). Politik sollte demnach von der Elite gemacht werden. Demokratie galt als die „Herrschaft der Minderwertigen“, wie es der jungkonservative Theoretiker Edgar Julius Jung schon 1927 unmissverständlich formuliert hatte. Probates Mittel dafür waren dann in den frühen dreißiger Jahren die Notverordnungen, mit denen das Parlament ausgeschaltet werden konnte. Ihre Feindschaft gegen das Parteiensystem machte auch vor der NSDAP nicht halt. Für die Jungkonservativen stand selbst der Nationalsozialismus noch im Geruche der Demokratie. Als die von Jung geforderte „Herrschaft der Besten“ zogen sie Mussolinis Faschismus vor.

So befand sich die deutsche Rechte zu Beginn der dreißiger Jahre in einem Dilemma: Die Macht konzentrierte sich bei einer kleinen Gruppe um Franz von Papen, dem Reichswehrgeneral Schleicher und Reichspräsident Hindenburg. Gestützt von der Industrie, dem Großgrundbesitz und der Reichswehr hatten sie 1932 den autoritären Staat Realität werden lassen. Doch fehlte ihnen die Sympathie der Massen. Die NSDAP dagegen verfügte über die nötige Basis. Der Ausweg aus der Pattsituation bestand darin, Hitler wie einen Dienstleister zu „engagieren“, wie es Franz von Papen ausdrückte. Hitler sollte den Reichskanzler geben, gesteuert von Konservativen.

1934 eskalierte die Situation

Mit diesem Kalkül wurde Franz von Papen 1933 der Architekt einer Koalition zwischen Nationalsozialisten und Konservativen, die unter Kontrolle Hindenburgs und damit der etablierten Eliten stehen sollte. Tatsächlich sollten dem „Kabinett Hitler“ vom Januar 1933 zunächst nur zwei Nationalsozialisten angehören: Innenminister Frick und, noch ohne Geschäftsbereich, Hermann Göring. Dem mächtigen Alfred Hugenberg unterstand dagegen das Wirtschaftsministerium, Deutschnationale, Angehörige des paramilitärischen Stahlhelms und Rechtskatholiken sollten die Nationalsozialisten auf ihren Platz verweisen. Franz von Papen ließ sich im Berliner Palais Borsig eine Vizekanzlei ausstatten, von der er die Geschäfte des Kanzlers Hitler zu kontrollieren und notfalls die Opposition zu organisieren dachte.

Das erwies sich auch bald als notwendig, denn 1934 eskalierte die Situation. Hindenburg fiel als Kontrollinstanz aus, er dämmerte auf seinem ostpreußischen Gut dem Tod entgegen. SA-Chef Ernst Röhm, altgedienter Nationalsozialist und ehemaliger Offizier, griff nach dem Reichswehrministerium, der konservativen Rückversicherung für den Ernstfall. Mit einer Rede vor Marburger Studenten am 17. Juni wagte von Papen den offenen Protest gegen die Monopolisierung der Macht in den Händen der NSDAP. Er beklagte die Angriffe auf die konservative Presse und die Unsicherheit im Bürgertum. Der Text stammte von Edgar J. Jung und ließ die Risse in der Koalition offen zutage treten. Reichswehrminister Blomberg drohte Hitler mit der Absetzung, falls er keine innere Stabilität garantieren könne. Er machte deutlich, dass die militärischen Führungsansprüche Röhms die Expansionspläne des Reichs gefährden könnten.

In dieser Lage bot sich die Ausschaltung der SA-Führung durch die SS als Bauernopfer an. Am 30. Juni 1934 wurde die SA enthauptet: Röhm wurde mit einer Reihe höherer und mittlerer SA-Führer festgenommen und in den kommenden Tagen liquidiert. Auch andere nationalsozialistische Häretiker wie Gregor Strasser waren unter den Opfern. Die Reichswehr stellte Waffen und Transportmittel für die „Aktion“ zur Verfügung. Doch fielen auch Konservative den Mordkommandos zum Opfer. Der ehemalige Reichskanzler und General von Schleicher wurde mitsamt seiner Gattin erschossen. Papens Referent Herbert von Bose, Teilnehmer des Kapp-Putsches, wurde ermordet, ebenso der katholische Politiker Erich Klausener. Auch Edgar Julius Jung, der als Verfasser der Papen-Rede schon einige Tage zuvor in „Schutzhaft“ genommen worden war, musste sterben. Die Strafaktion lief aus dem Ruder, es kam zu Verwechslungen, alte Rechnungen wurden beglichen, die Zahl der Opfer wird heute auf 150 geschätzt. Die Öffentlichkeit beruhigte man mit der Behauptung, es habe ein „Staatsstreich“ der SA gedroht. Der angesehene Staatsrechtler Carl Schmitt, lange selbst in jungkonservativen Kreisen heimisch, kommentierte die Vorgänge in der „Deutschen Juristenzeitung“ lapidar: „Der Führer schützt das Recht“.

Zähmung „brauner Bataillone“

Die Situation war paradox: Einerseits kam die Mordaktion den Konservativen entgegen, die Rede von Papens schien Erfolg gehabt zu haben. Der ermordete Röhm war ein scharfer Gegner des jungkonservativen Klüngels gewesen, die „plebejische“ SA wurde in die Schranken verwiesen, und die Reichswehr blieb in der Hand des traditionellen Offizierschors. Auf das Bürgertum hatte die Zähmung der „braunen Bataillone“ daher die erhoffte beschwichtigende Wirkung. Andererseits wurde auch die konservative Opposition ihrer Handlungsfähigkeit beraubt. Doch begriff diese die Lage zunächst nicht und glaubte Hitler gezähmt. Tatsächlich jedoch hatte die NSDAP ihre Vorherrschaft zementiert und die Konkurrenz in Partei und Kabinett ausgeschaltet. Der Machtmensch Hitler hatte sich mit einem Schlag der letzten Gegner entledigt.

Am 1. August 1934, als Hindenburg im Sterben lag, ließ Hitler die diktatorischen Befugnisse des Reichspräsidenten auf sich übertragen. Das Gesetz trug die Unterschrift von Papens und aller Minister. Am 2. August ergriff die Reichswehr die Initiative und formulierte eine neue Eidesformel, mit der die Soldaten auf „den Führer“ und nicht mehr auf die Verfassung eingeschworen wurden. Man wollte das Band nun eng knüpfen. Hitler dankte. Sein Biograf Ian Kershaw urteilt: „In den Wochen zwischen Röhm-Affäre und dem Tod Hindenburgs hatte Hitler alles beseitigt, was seiner Stellung noch hätte gefährlich werden können.“ Das Ziel der uneingeschränkten Herrschaftsbefugnis im Staat war erreicht, der Aufstieg der SS begann. Die Konservativen hatten ihre Schuldigkeit getan, nun brauchte er sie nicht mehr.

Volker Weiß, Jahrgang 1972, ist Historiker und Mitglied im Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e.V. Seine letzte Publikation: Moderne Antimoderne. Arthur Moeller van den Bruck und der Wandel des Konservatismus. Paderborn 2012.