DDR-Kohlenträger, Berlin 1974
Foto: Nachlass Roger Melis

Berlin- Roger Melis hätte, könnte er's erleben, an diesem Dienstag großen Anlass, sich feiern zu lassen. Es wäre sein 80. Geburtstag. Es war ihm nicht vergönnt, ihn zu erleben. Dieser einzigartige Fotokünstler aus dem Berliner Osten, dieser genau beobachtende und zutiefst empathische Menschen-Fotograf, starb viel zu früh schon 2009. Er hinterließ eine stille, unsentimentale Innenschau des DDR- Alltags und gab Einblicke in das Leben kleiner Leute und Prominenter gleichermaßen. Melis fotografierte mit Liebe und Respekt, wie die Leute schwer arbeiteten, liebten, feierten, träumten, sich künstlerisch ins Mögliche dehnten. Wie sie ihren Alltag meistern und das Glück trotz der Enge suchten.

Gewiss wäre Roger Melis damit sehr einverstanden gewesen, was nun aus aus seinem Werk werden soll: Der gesamte Nachlass geht nach und nach ans Archiv der Akademie der Künste in Berlin. Das sind die Originale seiner bekannten Aufnahmen, über 900 Abzüge, darunter 700 eigenhändige, dazu Negative, Kontakte, Korrespondenzen, Arbeitsbücher, Kalender und Datenbanken.

Melis' Lebenswerk umfasst Porträts von mehr als 500 Schriftstellern, Grafikern, Malern, Bildhauern, Fotografen und darstellenden Künstlern aus fünf Jahrzehnten. Darunter sind umfangreiche Serien von Peter Huchel, Franz Fühmann, Heiner Müller, Volker Braun, Christa Wolf, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Rainer Kirsch, Thomas Brasch und Manfred Krug, die Melis in unterschiedlichen Phasen ihres Leben und Schaffens mit seiner Kamera festgehalten hat.

Der Bildhauersohn Roger Melis war auch Ziehsohn eines Dichters 

Diese Materialien werden die Erschließung und Datierung seiner Arbeiten erlauben, entstehungsgeschichtliche Hintergründe beleuchten, zugleich Einsicht in den künstlerischen und dokumentarischen Schaffensprozess ermöglichen. Außerdem geben sie exemplarisch Aufschluss über die sozialgeschichtlichen Bedingungen der Arbeit eines freiberuflichen Fotografen in der DDR. Die Aufarbeitung des Oeuvres bleibt dabei in den Händen des Ziehsohnes und Nachlassverwalters Mathias Bertram.

Kunst war sozusagen Programm auf Roger Melis' Lebensweg. Der Sohn des Bildhauers Fritz Melis hatte nach der Trennung der Eltern einen berühmten Ziehvater – den Dichter Peter Huchel. Aufgewachsen im Berliner Westen und ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam, machte er eine Fotografenlehre. Dann wollte er die Welt sehen und fuhr als Moses zur See.

Ab 1962 arbeitete Melis als wissenschaftlicher Fotograf an der Charité. Nach dem Mauerbau porträtierte er Künstler in Ost und West, ab 1966 folgten erste Reportagen für Merian und ab 1968 machte er erste Modeaufnahmen für die Zeitschrift Sibylle. 1969 gründete er zusammen mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann und anderen Kollegen die Gruppe „Direkt“, und von 1978 bis 1990 lehrte er an der Kunsthochschule Weißensee. Foto-Aufträge kamen nicht nur von namhaften Illustrierten und Zeitschriften aus der DDR, sondern auch aus dem Westen; etwa von Die Zeit, FAZ, GEO und Süddeutscher Zeitung, wo man  vor allem seine Künstlerporträts schätzte.

Roger Melis porträtierte viele Dissidenten 

Ab 1981 aber durfte er nicht mehr für die DDR-Presse arbeiten; er hatte zu viele Dissidenten porträtiert: Biermann, Erich Loest, Manfred Krug. Also konzentrierte er sich auf Buch- und Ausstellungsprojekte. Sein Band „Paris zu Fuß“ wurde mit einer Gesamtauflage von 40.000 Exemplaren zu einem der erfolgreichsten Fotobücher der DDR. Nach dem Mauerfall wandte Melis sich wieder der Reportage- und Porträtfotografie zu, und von 1993 bis 2006 war er Lehrer für Fotografie beim Berliner Lette-Verein.

Roger Melis, Selbstporträt 1987
Foto: Nachlass Roger Melis

Zwei Jahre vor seinem Tod erschien im Leipziger Lehmstedt-Verlag der erste einer auf vier Bände geplanten Werkausgabe: „In einem stillen Land“. Darin legte Melis als einer der ersten Fotografen aus dem Osten ein umfassendes Porträt der DDR und ihrer Bewohner vor. Bald darauf galt er als „der Meister des ostdeutschen Fotorealismus“.

Der Schriftsteller Christoph Hein schrieb damals bewundernd: „Die Arbeiten von Roger Melis, schwarz-weiße Fotografien, die in ihrer Klarheit und ihrem Bildaufbau an die durchdachte, sorgfältige Komposition alter Gemälde erinnern, zeigen eine andere Welt und andere Menschen als die in der staatlich gelenkten Presse veröffentlichten Fotos. Melis verstand zu warten, bis der Blick ins Offene ging, der Mensch sichtbar wurde, er bei sich war und sich zeigte.“