Rogue One: Neue Trilogie füllt Lücken der Star-Wars-Story

Würden wir uns noch in der alten Zeitrechnung befinden, dem Kalendarium des Heiligen Lucas, dann wäre alles ganz einfach: 1977 brachte der Filmemacher und Weltenschöpfer George Lucas seinen „Krieg der Sterne“ in die Kinos, es folgten „Das Imperium schlägt zurück“ (1980) und „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) – insgesamt eine perfekt austarierte Trilogie, die von einem epischen, nämlich galaktisch erweiterten, über einige Sternenschlachten ausgetragenen Vater-Sohn-Konflikt handelt. Und weil in diesem Familienkrieg, also dem Konflikt zwischen Anakin und Luke Skywalker, die Frage nach der Herkunft des Bösen, der dunklen, väterlich-autoritären Seite der Macht unbeantwortet blieb, wurde in drei weiteren Filmen der Werdegang Anakins zum allmächtigen, hasserfüllten Darth Vader abgehandelt.

Disneys Verwertungskette

Mit dieser zweiten, Prequel genannten Trilogie sollte es nun aber sein Bewenden haben, erklärte ein erschöpfter George Lucas, der ein schlechthin beispielloses, mythenreiches, actionpralles und profitbringendes Science-Fiction-Universum geschaffen und sich zudem einen Konflikt von der Seele geschrieben, ja, diesen Konflikt im Rückgang auf seinen Voranfang vollkommen auserzählt und damit auch aufgehoben hatte. Für den großen Erzähler war die Geschichte eben hier zu Ende, er verkaufte 2012 seine Produktionsfirma Lucasfilm mit all ihren Tochterunternehmen, unter anderem der legendären Spezialeffekt-Schmiede Industrial Light & Magic, und sämtlichen Markenrechten für rund vier Milliarden US-Dollar an den Walt-Disney-Konzern. Das Lucas-Kalendarium verlor damit seine Gültigkeit, eine neue Zeitrechnung sollte beginnen. Ob das wohl gut gehen konnte?

Im Jahre 2015 brachte Disney mit „Das Erwachen der Macht“ die erste Folge eines ebenfalls als Trilogie angelegten Sequels in die Kinos. Die Regiearbeit von J.J. Abrams sollte die Sternenkriegssaga in die Zukunft führen, kam allerdings über eine müde Neuauflage des hinlänglich bekannten Konflikts nicht hinaus – dieses Mal nur umgekehrt, nämlich zwischen einem guten Vater und einem bösen Sohn. Wir dürfen gespannt sein, was in den bereits terminierten Jahren 2017 und 2019 folgt, vielleicht entdeckt Disney nach all dem männerrachedurstigen Testosterongedöns endlich die weibliche, gern auch  dunkle Seite der Macht. Wie auch immer: Weil in jedem Fall die Verwertungskette nicht reißen darf, soll neben dem Sequel auch in den Zwischenjahren, also 2016, 2018 und 2020, der Sternenkrieg weitergehen – in einer sogenannten Star-Wars-Anthology.

Diese Anthologie schließt Lücken im erzählerischen Gefüge. Dabei platziert sich der jetzt zu besichtigende Lückenfüller „Rogue One: A Star Wars Story“ vor dem ersten Film der Original-Trilogie und liefert das fraglos entscheidende Detail, wie die guten Rebellen und der grundgute Luke Skywalker an die Baupläne für den Todesstern gelangten, einer planetenzerstörenden Superwaffe, mit der das böse Imperium und sein bitterböser Darth Vader die Herrschaft über die ganze Galaxie erzwingen wollten. Denn in „Krieg der Sterne“ – oder wie diese Folge mittlerweile heißt: „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ – ließ ja eine gewisse Prinzessin Leia den Rebellen mithilfe der Droiden R2-D2 und C-3PO die besagten Baupläne zukommen. Nach „Rogue One“ wissen wir nun, die Pläne wurden dem Imperium von einem Himmelfahrtskommando, dem Rogue One, geklaut und der Prinzessin übergeben.

Macht ist auch Mumpitz

Na, toller Plot. Viel spannender ist allerdings, dass es sich bei „Rogue One“ um einen vollkommen unselbstständigen, geradezu abstrakten Film handelt, der für sich genommen unverständlich bliebe und sich ausschließlich im Kontext der Star-Wars-Saga als sinnvoll erweist. Ohne diesen Kontext sähen wir nur gediegenes Weltraumgeballere, so wie es andere Filmen, zuletzt etwa der supergediegene „Star Trek Beyond“ längst auch  und zigmal besser choreographiert bieten. Wie um diesen Eindruck zu verstärken, verzichtet der 1975 geborene Regisseur Gareth Edwards („Monsters“, 2010, „Godzilla“, 2014) dann auch noch beinahe vollständig auf jedwede Star-Wars-Folklore. Allem voran: In dem ganzen Film gibt es nur eine einzige, winzig kurze, unbedeutende Kampfszene mit dem Lichtschwert. Hinfort mit diesem altbackenen Kram!

Edwards provoziert den Eklat, nämlich  in einem Stars-Wars-Franchise ohne Star-Wars-Inventar auskommen zu wollen. Das hat sympathische Züge, etwa wenn das pseudoreligiöse, quasi-metaphysische  Gequatsche à la „Möge die Macht mit dir sein“ von einem wie irre radebrechenden Kampfmönch (Donnie Yen) gebetsmühlenartig heruntergeleiert wird – und eher wie ein Machtkrampf klingt. Eine Jedi-Ritter-Karikatur: Macht ist auch Mumpitz. Gut,  aber die schnörkellosen Hauptfiguren Jyn Erso (Felicity Jones) und Captain Cassian Andor (Diego Luna) tragen die Handlung des Films keineswegs; das Fehlen aller Star-Wars-Folklore lässt sie ziemlich langweilig aussehen. Vor allem fehlen in „Rogue One“ die drolligen, das Herz erwärmenden Droiden wie R2D2 oder wie zuletzt die rollende Knutschkugel BB-8.

Gareth Edwards hat das Star-Wars-Universum entleert, ohne ihm etwas hinzuzufügen. Sein Film führt eine prekäre, da parasitäre Existenz: In seiner Schroffheit und im Verzicht auf die Star-Wars-obligatorischen  verspielt-liebevollen Ausstattungsdetails ist „Rogue One“ zur Dutzendware regrediert.