Ein Foto von 1990, die Grenzübergangsstelle Wartha-Herleshausen: In dem Defa-Film „Der radlose Mann“ sollte es zu einem Ost-West-Autotausch auf der Autobahn kommen. Die Volkspolizei wollte die Drehidee nicht genehmigen. 
Foto: imago stock&people

BerlinAnfang der 1980er-Jahre entdeckte Regisseur Roland Oehme ein merkwürdiges Foto. Es steht auf der letzten Seite des Neues Deutschland und ist für dieses Blatt eher ungewöhnlich. Das Bild zeigt eine großbusige Schneefrau mit Möhrennase, die ein Mann direkt an der Autobahn gebaut hat. Oehme gerät ins Träumen: Was hat den Mann bewogen, an dieser Stelle eine solche Figur zu formen? Was löst ihr Anblick in den Köpfen der Vorbeifahrenden aus?

Oehme ist ein Spezialist für Lustspiele. Ein Regisseur, der aus gesellschaftlichen Widersprüchen komische Pointen zu filtern weiß. In seinem erfolgreichsten Defa-Film „Der Mann, der nach der Oma kam“ nimmt er die viel beschworene Gleichberechtigung unter die Lupe, und wie sie in der Realität praktiziert wird. In „Einfach Blumen aufs Dach“ glossiert er Obrigkeitskult und Selbsterhebung: Ein Arbeiter kauft eine gebrauchte Staatskarosse der Marke Tschaika und erfährt ungeahnte Ehren.

In diese Richtung soll es weitergehen. Weil er in einem neuen Film möglichst viele Einfälle versammeln will, lädt Oehme gleich ein Dutzend Autorinnen und Autoren zum Schreiben der Episoden ein. So ähnlich wie bei italienischen Filmlustspielen, die er so liebt. Den Ausgangspunkt liefert er selbst: Einem jungen Mann, der wegen Körperverletzung eine Freiheitsstrafe verbüßt, stirbt die Großmutter. Um an ihrer Beerdigung teilzunehmen, erhält er im tiefsten Winter zwei Tage Hafturlaub. Die Freundin, die sich von ihm getrennt hat, stellt ihm dafür seinen Trabant vors Gefängnistor. Plötzlich platzt ein Reifen, ein Ersatzrad fehlt. Der Mann will auf jeden Fall rechtzeitig zurück im Knast sein. Doch woher die Räder nehmen und nicht stehlen? Um sich warm zu halten, baut er erst einmal eine Frau aus Schnee. Daraus sollen sich, am Rande der Autobahn, diverse Begegnungen ergeben.

Rudi Strahl, ein erfahrener Komödienautor, fängt daraufhin sofort Feuer. Manfred Wolter und Regine Sylvester schreiben je eine Episode, auch der Szenenbildner Dieter Adam und Regiekollege Ulrich Weiß. Das fertige Drehbuch ist nah am prallen DDR-Leben: Mangel an Ersatzteilen. Hochmut der Handwerker. Der allgegenwärtige Tauschhandel. Die Macht des Westgeldes. Viele kleine Frechheiten. Dazu noch die Begegnung mit einem Mercedes-Fahrer von „drüben“, dessen Wagenheber das Ostauto nicht aufbocken kann: „Da passt aber auch nichts zusammen!“

Im Studio gefällt das Drehbuch allen. Auch die geplante Besetzung: Uwe Kockisch in der Hauptrolle, Kurt Böwe als Familienvater, dessen sorgsam gehütete D-Mark in eine Jauchegrube fällt, Käthe Reichel als Lehrerin, Christine Schorn, Rolf Hoppe. Wohlweislich erlässt die Direktion die Weisung, das Buch nicht aus der Hand zu geben: „Wir ziehen das allein durch.“

Doch ganz allein wird das nichts. Ein wichtiger Drehort, der Parkplatz an der Autobahn, muss von der Volkspolizei genehmigt werden. Das Buch geht ans Innenministerium. Nach vierzehn Tagen tauchen zwei Genossen auf, deren Liste mit Einwänden kein Ende nimmt. Ein Mann aus dem Gefängnis? Undenkbar. Ein Ost-West-Autotausch auf der Autobahn? Nicht möglich! Eine skurrile Lehrerin? Nein! Oehme verändert Kleinigkeiten. Das Aus kann er nicht stoppen. „Der radlose Mann“ wird letztlich kurz vor Drehbeginn ad acta gelegt.