Zwei Stunden dauert es, ehe wir wirklich beide Rollerski unter den Füssen haben und die schulterhohen Stöcke zur Hand nehmen dürfen. Der große Moment: Wie fühlt es sich an, im Skatingschritt auf Brettern über das Tempelhofer Feld zu sausen? Wie schnell wird man auf den Reifen? Klappt es besser als im Schnee? Ist es vielleicht sogar eine gute Möglichkeit, sich auf den nächsten Langlauf-Urlaub vorzubereiten?

Ich sehe mich schon in Gedanken auf der Überholspur durch den Schnee pesen, vorbei an den Langläufern im Klassikstil – endlich richtig skaten könnend, den Schwung nicht mehr verlierend, den Rhythmus haltend und mit genug Kraft in Armen und Beinen. Ein Traum.

Auf dem Kippelbrett

Vier Frauen und ein Mann haben sich an diesem Sonnabendmorgen am Container des Nordisch-aktiv-Centers des Deutschen Skiverbands (DSV) auf dem Tempelhofer Feld eingefunden. Ganz jung ist keiner von uns, auch wenn Biathlon inzwischen die Massen begeistert und Langlauf längst nicht mehr nur von rüstigen Rentnern praktiziert wird. 

„Die meisten Teilnehmer sind zwischen 35 und 55“, sagt Thomas Staacks. Deutscher Rollski-Meister war er mal. Und betreibt zusammen mit dem Biathleten Carsten Bartel seit etwa fünf Jahren das Nordisch-aktiv-Center auf dem ehemaligen Flughafen. Regelmäßig finden hier verschiedene Kurse statt. Unser Trainer heißt Hendrik Albat. Der 48-Jährige – eng anliegendes blaues Shirt, knielange Hose, ein neongelbes Tuch unterm Helm – hat auf den Tisch vor dem DSV-Container Helme, Ellenbogen- und Knieschützer für die Kursteilnehmer bereitgelegt. Daneben, auf der Wiese, liegen diverse Sommerskier. 

Erstaunlich herausfordernd ist die Übung, mit der der Kurs beginnt: Der Trainer verteilt fußgroße Brettchen, die unten mit einer Leiste versehen sind. Wir sollen uns mit einem Bein daraufstellen, das andere Bein vom Boden abheben und versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Was wir zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht ahnen: Auf den Sommerski steht man nicht so stabil wie auf den langen Langlaufbrettern. Darauf soll die Kippelbrett-Übung vorbereiten.

„Beim Rollerskifahren werden mehr als 90 Prozent der Muskulatur trainiert“

Auch einige Ballspiele auf der Wiese gehören zum Vorprogramm, sie dienen einerseits der Erwärmung, andererseits sollen sie mit der Dämpfung von Knie- und Ellenbogenschützern vertraut zu machen. „Die Verletzungsgefahr bei diesem Sport ist gering“, sagt Thomas Staacks, „vor allem nach sorgfältiger Einweisung.“ Eine gewisse Sturzgefahr gebe es zwar, da man wegen der Räder höher über dem Boden steht als beim Skifahren. Aber die Skikes – eine Mischung aus Inline-Skates und Rollski mit luftgefüllten, handtellergroßen Reifen – seien vergleichsweise stabil und wegen des integrierten Bremssystems besonders für Anfänger geeignet. 

Diese Art Sommerski, die man mit Straßenschuhen benutzt, kommen auch bei dem Einführungskurs auf dem Tempelhofer Feld zum Einsatz. Im Stand machen wir uns mit ihnen vertraut. „Dreht euch einmal so im Kreis, dass die Vorderräder am Boden bleiben“, fordert uns der Trainer auf. Auf der Wiese stehend, tapsen wir folgsam Schritt für Schritt einen Kreis.
Dann sollen wir mit nur einem Skike am Fuß Tretroller fahren. Erst mit kleinen Schritten anschubsen, dann mit größeren, wobei wir bestenfalls ins Gleiten kommen. Es ist gar nicht so einfach, auf dem Brett mit den zwei Rollen das Gleichgewicht zu halten, die Muskulatur ist durch das ständige Ausbalancieren gefordert. Als wir den zweiten Skike dazunehmen dürfen, fühlt sich das Ganze deutlich stabiler an. 

Es dauert nicht lange, da spüre ich meine Bein- und Pomuskeln. Ich komme ins Schwitzen, was nicht nur an dem warmen, sonnigen Oktobertag liegt. „Beim Rollerskifahren werden mehr als 90 Prozent der Muskulatur trainiert“, sagt Thomas Staacks, der wie sein Kompagnon mit der A-Trainerlizenz die höchste Qualifikation des DSV besitzt. Sommerskifahren sei insgesamt ein gelenkschonendes Herz-Kreislauf-Training.

Dann geht es auf den Aspahlt

Auf der Teerpiste neben unserem Übungsplatz fahren derweil immer wieder Sommerlangläufer vorbei: mal in der klassischen Technik, mal im Skatingschritt. Wir verfolgen sie mit unseren Blicken, der Trainer bemerkt das natürlich und weist auf die Fehler der passierenden Rollerskifahrer hin: Mal wird der Stock zu weit vorn aufgesetzt, mal stimmt der Rhythmus von Beinbewegung und Stockeinsatz nicht ganz. 

Dann dürfen auch wir mit zwei Skikes an den Beinen auf den Asphalt, Hendrik Albat hat ein nicht allzu großen Viereck abgesteckt, in dem wir uns bewegen und bei jeder Begegnung einander die Hand geben sollen. Damit wir unsere Köpfe heben und nicht mehr nur auf die Skikes schauen, erklärt der Trainer. 

Als das klappt, üben wir – noch immer ohne Stöcke – die Abstoßbewegung beim Skaten. „Die Knie bleiben auf gleicher Höhe, das eine Bein schert seitlich aus und drückt sich vom Boden ab“, erklärt der Trainer. Konzentriert sieht er zu, wie wir uns mit dem sogenannten Siitonen-Schritt fortbewegen. Der Schritt trägt den Namen seines Erfinders, des finnischen Skilangläufers Pauli Siitonen, der als Wegbereiter der Skatingtechnik gilt. 

Einkaufswagen als Hilfsmittel

Mich erinnert der Schritt ein wenig an das mir vertraute Eislaufen, Trainer Hendrik ist aber nicht ganz zufrieden. „Das Bein nicht nach hinten, der Abdruck erfolgt seitlich“, korrigiert er mich. Einer anderen Teilnehmerin, die sich mit dem Abstoßschritt schwertut, drückt er einen Einkaufswagen in die Hand. In dem Wagen werden diverse Übungsgeräte aufbewahrt, aber manchmal dient er auch unsicheren Läufern als Stabilisator. Die Läuferin kommt jetzt besser zurecht und verliert so schneller ihre Unsicherheit.

Nun dürfen wir die Stöcke zur Hand nehmen. Als Erstes üben wir den Doppelstockschub, bei dem die Füße parallel am Boden bleiben und der Antrieb über den Schub aus Armen und Rumpf kommt. Dann den Bergaufschritt und schließlich den klassischen Skatingschritt.
Jetzt endlich brechen wir zu einem kleinen Rundkurs auf. Der Asphalt ist neu und glatt, schnell nehmen wir Fahrt auf. Das Bremsen klappt, das Kurvenfahren auch. Bald haben wir genug Schwung, um zumindest für ein paar Meter hintereinander in Abfahrtshaltung über das völlig ebene Tempelhofer Feld zu rollen – nur so aus Spaß.