Berlins Karriere als Stadt der Revolte begann mit einem Konzert der Rolling Stones.

"Ich kenne jetzt die Hölle“, schrieb Marianne Koch, Reporterin der Bild-Zeitung, am 15. September 1965: „Mein Beruf hat mich gelehrt, ziemlich tapfer zu sein. In der Waldbühne habe ich vergangene Nacht das Fürchten gelernt. Eine tosende, entfesselte Masse juchzt. Drängende, strampelnde Leiber an den Eingängen. Dann im Innenraum ein Tanz der Hexen in der Walpurgisnacht. Flammende Fackeln. Rings um mich herum ist alles Extase. Tanzt, schreit, zuckt.“

In der Revolte geht der Einzelne im Kollektiv auf, verschmelzen Individuen zur Masse. Auf Versammlungen, bei Demonstrationen, auf den Barrikaden. Oder auch bei Konzerten. In der Revolte befeuern Einzelne eine kollektive Bewegung.

Am 15. September 1965 manifestierten sich die wilden Sechzigerjahre auch in West-Berlin, auf jener surrealen Insel im roten Meer des Kommunismus. Rund 20.000 Fans der Rolling Stones versammelten sich in der ausverkauften Freilichtarena unweit des Olympiastadions. Die sieben Hektar große Anlage, deren Ränge sich wie in einem griechischen Amphitheater 30 Meter über die Bühne erheben, hatte Adolf Hitler für die Olympischen Spiele 1936 erbauen lassen.

"Die härteste Band der Welt"

Hannibal, 1947 in Berlin-Schöneberg geboren, erinnert sich: „Zu den Stones in der Waldbühne zu gehen, das war Pflicht. Damals gab es nur so wenige Langhaarige.“ Also kaufte er sich eine Karte für sechs Mark. Hannibal hatte Maurer gelernt und begeisterte sich als Teenager schon für Rock’n’Roll, für Elvis Presley, Little Richard und andere Musiker aus den USA, die dem Blues ein neues Tempo und neue Energie gaben. Die wilden Töne aus Amerika waren für Hannibal und seine Freunde ein Weckruf für den Protest gegen die verstaubten Konventionen und das selbstzufriedene Establishment.

Die Jugendzeitschrift Bravo hatte die Tournee der Rolling Stones durch die Bundesrepublik organisiert und als „einmaliges Sensations-Gastspiel mit der härtesten Band der Welt“ beworben. Beim Konzert in Hamburg hatte es 31 Verletzte und 47 Festnahmen gegeben; West-Berlin war die letzte Station der Tour.

Als eine von vier Vorgruppen hatte sich die lokale Band Team Beat Berlin anheuern lassen; Gage gab es keine. Organist Olaf Leitner erinnerte sich später daran, dass das Publikum nur die Stones sehen wollte. „Deshalb hatte ein Teil des Publikums für uns im wahrsten Sinne des Wortes nur ’nen Appel und ’n Ei übrig, die sie während unseres Auftritts auf die Bühne warfen. Nach zwanzig Minuten traten wir wieder ab.“

Polizeihunde bissen sich an "Beatjüngern" fest

Die Randale ging schon los, bevor die Stones auf die Bühne kamen. Ralf Reinders, damals Lehrling, erinnerte sich: „Wir hatten die Kohle für den Eintritt nicht und beschlossen, umsonst reinzugehen. In Tegel versammelten wir uns: Beatles-Fans, Stones-Fans und Kinks-Fans. Es waren etwa 200 bis 250 Leute, die dann losmarschierten. Unter ihnen waren die späteren Aktivisten des 2. Juni stark vertreten. Als wir an der Waldbühne aus der S-Bahn kamen, war da gleich die erste Bullensperre. Eine ganz lockere, die wir zur Seite drückten.“

Kurz vor der Waldbühne wartete eine zweite Polizeikette mit einer berittenen Staffel. „Das war schon ein bisschen komplizierter“, erinnerte sich Reinders später. „Wir sind auch da durchgebrochen. Dann gab es nur noch eine ganz leichte Sperre direkt an der Waldbühne. Und so waren wir schließlich mit über 200 Leuten umsonst drinnen und standen ganz vorne.“

Ganz ohne Blessuren ging das nicht ab. „Polizeihunde bissen sich in Textilien und Fleisch durchbrechender Beatjünger fest“, fabulierte am nächsten Tag ein Journalist des Tagesspiegel. Schon bei der ersten Nummer der Rolling Stones, „Everybody Needs Somebody To Love“, stürmten Hunderte Fans auf die Bühne. Die Ordner kapitulierten, Polizisten marschierten auf und schufen der Band aus England wieder Platz. Dann spielten Jagger, Jones & Co. ihren aktuellen Hit: „I Can’t Get No Satisfaction“.

"Die Bänke knackten gleich durch"

Doch nach dem dritten Stück hörten sie wieder auf. Bei dem Chaos auf und vor der Bühne fürchteten sie um ihre Sicherheit. Das Publikum war enttäuscht, verlangte nach einer Zugabe, aber die Stones ließen sich nicht mehr blicken, sondern in das noble Schlosshotel Gerhus chauffieren. Die Stones-Fans fühlten sich betrogen und waren sauer.

„Wir begannen, von oben auf die Bänke zu springen“, so Hannibal, der ein paar Jahre später zu den sogenannten „Haschrebellen“ gehörte. „Die Bänke waren aus Eternit und knackten sofort durch, wenn wir mit unseren Cowboystiefeln draufsprangen.“ Es habe eine ganze Weile gedauert „bis die Bullen ernsthaft eingriffen. Sie waren nicht auf Krawall vorbereitet.“ Nun drehten die Veranstalter das Licht aus. Chaos war die Folge. Immer mehr empörte Fans nahmen die Bänke auseinander.

"Systematisch dem Barbarismus verfallen"

Als das Licht wieder anging, marschierten Polizisten auf der Bühne auf. Ralf Reinders: „Die Bullen hielten mit ihren Wasserwerfern von oben rein, worauf sich die erste Schlacht – hauptsächlich mit uns – entwickelte. Jeder kannte jeden, und es gab ein Stück Gemeinsamkeit, ein gemeinsames Gefühl.“ Bis dahin sei alles noch halbwegs friedlich verlaufen. „Doch dann“, so Reinders, „fingen die Bullen an, auf eine Gruppe von 40 bis 50 Mädels einzuschlagen, die sich an der Bühne versteckt hatten. Das war dann das Signal für alle: jetzt nochmal zurück. Und dabei ging die Waldbühne richtig zu Bruch!“

„Wir sind dann alle abgehauen“, sagt Hannibal, „und in die S-Bahn rein. Die S-Bahn gehörte dem Osten, und der war bei uns nicht so beliebt. Also haben wir die Scheiben eingeschmissen. In Halensee warteten dann die Bullen auf uns. Wir sind aus dem Zug raus und haben es die Böschung raufgeschafft. Da waren wir dann in Sicherheit.“

Im Polizeibericht hieß es: 87 Verletzte, darunter 26 der insgesamt 367 eingesetzten Polizisten. 17 demolierte S-Bahn-Züge, von denen vier aus dem Verkehr gezogen werden mussten. Die Gewerkschaft der Polizei forderte, „derartige voraussehbare Krawallveranstaltungen in Berlin künftig zu untersagen“.

Die empörte Reaktion der Journalisten offenbarte ein abgrundtiefes Unverständnis der älteren Generation gegenüber den Jugendlichen. Im Tagesspiegel hieß es: „Die Verlautbarungen des dem Barbarismus systematisch verfallenden, von einer Massenhysterie in die andere überwechselnden Publikums überstiegen die musikalische Phonerzeugung auf der Bühne um ein beträchtliches.“

Den Journalisten waren die Jugendlichen, ihre Musik, ihre langen Haare zutiefst zuwider: Das galt nicht nur für West-Berlin, sondern auch für die Hauptstadt der DDR. Befehdeten sich sonst beide Seiten in den Propagandaschlachten des Kalten Krieges, gegen die jugendlichen Musikfans waren sich Kommunisten und Kapitalisten einig. „Im Appell an niedere Instinkte, im Ausscheiden jeglichen Denkens liegt schließlich potentiell eine neue Kristallnacht begründet“, schrieb ein Kommentator im Neuen Deutschland. Schließlich druckte das Parteiorgan der Kommunisten in ganzer Länge die Grusel-Reportage von Marianne Koch aus der Bild nach, die ansonsten als Revanchistenblatt gegeißelt wurde.

Nicht nur das Neue Deutschland schwang die Nazi-Keule gegen die rebellischen Jugendlichen, auch in der Ost-Berliner Jungen Welt hieß es: „Die Hitler-Jugend sang in einem Lied, dass sie marschieren wolle ,bis alles in Scherben fällt‘. Genau in diesen Zustand soll die westdeutsche und Westberliner Jugend versetzt werden.“

"Vernebelte Köpfe, nackte Gewalt"

Wie man die Kritik an der Bonner Politik mit der an den West-Berliner Jugendlichen unter einen Hut bekommen kann, demonstrierte das Neue Deutschland: „Die fachmännisch inszenierte Massenhysterie dient niemals der Jugend, sondern der Kriegsvorbereitung. Die Schlacht in der Waldbühne soll auf lebensgefährliche Schlachten vorbereiten. Vernebelte Köpfe und nackte Gewalt waren schon immer die besten Bundesgenossen derer, die Deutschlands Jugend in zwei Weltkriege trieben.“

Ein West-Berliner CDU-Abgeordneter wollte von der Landesregierung wissen: „Hält der Senat auch solche Vorkommnisse für eine Attraktion Berlins?“ Ein Kommentator des Magazins Blickpunkt namens Wolfgang Fietkau räsonierte: „Textilien lagen damenlos herum, mehr sogar als nach einem alkoholischen Betriebsvergnügen, das manche Eltern gelegentlich in Waldrestaurants absolvieren.“

Für Ralf Reinders, ab 1972 eine wichtige Figur der Stadtguerilla-Gruppe „Bewegung 2. Juni“, stand die Randale beim Konzert der Rolling Stones am Anfang des Kampfes gegen die Staatsgewalt: „Zum ersten Mal sah ich auch ansonsten ganz unpolitische Leute, die einen wahnsinnigen Haß und Frust auf die Bullen hatten.“

Die Waldbühne wurde erst sieben Jahre nach dem Konzert der Rolling Stones wieder instand gesetzt.

Michael Sontheimeimer ist Co-Autor des Buchs „Berlin – Stadt der Revolte“ (Ch. Links Verlag, 448 Seiten, 25 Euro), das dieser Tage erscheint. Der Text ist ein Auszug daraus.