Ein Berliner Schriftsteller in der ewigen Stadt.
Illustration: Klaus Zylla

RomNiemals hätte ich je gedacht, dass mir einmal die Schultafel im Zeitungsleseraum wichtig wird. Sieht mehr einem großen Aufsteller ähnlich, der in Biergärten locken soll. 

Ich ging nicht völlig gleichgültig an ihr vorbei, nahm aus dem Augenwinkel wahr, was mit Kreide draufgeschrieben stand. War dabei mehr am Schriftbild interessiert, daran, wie ungelenk oder gekonnt die Namen der Gäste in der Villa auf ihr geschrieben worden waren. Galeristen, Wissenschaftler, ehemalige Stipendiaten. Die meisten der Aufgelisteten kannte ich nicht, einige wenige sagten mir irgendwie etwas, zwei, drei von ihnen gingen hier dermaßen berühmt herum, dass man sie kennen musste.

Über drei Monate blieb die Tafel unbeschriftet. Ich habe die Arme fotografiert, abgefilmt, mich ihr gegenüber hingesetzt und lange betrachtet. Ihre Nacktheit hat mich über die Bescheidenheit, das Fehlende und das Große am Kargen philosophieren lassen. Ich war kurz davor, sie eigenhändig mit erfundenen Namen und Fantasieberufen von Geisterbesuchern zu bedenken, fand nur das nötige Stück Kreide nicht. Also nickte ich ihr beim Betreten des Raumes zu und strich ihr im Abgang zum Trost über den Rahmen. Es tat uns beiden gut, so mitfühlend zueinander gewesen zu sein.

Die Zeiten hier haben sich grundlegend gewandelt. Der erste Besucher ist mein Freund, der Schauspieler Schortie Scheumann. Nach langer Abstinenz steht er mit seinem Namen und seiner Kunstfertigkeit für die Wiederbelebung der Tafel. Ein bescheidenes Megaereignis im Stillen. Ein Freudentanz für die fein aneinander gefügten Buchstaben.

Mein Freund bewohnte die Suite Nummer vierzehn ganz für sich allein. Nobel, witzele ich dazu. Hast wirklich einen Hauptgewinn gezogen. Bist quasi für mich ein Nobelpreisgewinner. Haben wir uns beide verdient, in Rom nun doch noch zusammengekommen zu sein. Das kunstfeindliche Virus hat uns nämlich zu Jahresbeginn die Filmpremiere hier versaut. Hundert Gäste, roter Teppich, großer Bahnhof, Weltpremiere in Rom. Und wir dann hinterher zu zweit allein auf der Bühne. Stehende Ovationen. All das ist uns missgönnt und verwehrt geblieben. Besser ich schreibe nichts weiter dazu, sonst platzt dem Hahn der Kamm.

Schortie steht jeden Morgen pünktlich auf der Matte. Ist nicht viel, was er in Rom ansehen will, sagt er. Und dann werden es doch ein paar Orte und Stätten mehr als vorgenommen. Wir verrennen uns, laufen in falsche Richtungen, enden einmal fast an der Autobahn. Und langen dann doch noch am Römischen Bau an, umrunden ihn, weil er für Besucher gesperrt ist.

Unter Pinien, hohen Säulen, über Treppenstufen, an Brunnen, Ruinen, weiten Geröllhalden, Pferd und Reiter vorbei geht es bis an Peters Dom. Wir schreiten die einzige offene übergroße Prachthalle ab und ergehen uns hernach in gewundene enge Gassen. Und sitzen kurz da, trinken kleine starke Käffchen. Und brechen wieder auf. Und tippeln über kleine, glatte bis unglaublich große Pflastersteine.

Schortie in weißer Ausgehrobe mit geschmücktem Hut auf dem Schädel. Mund und Nase wie für ein Gemälde hinterm üppigen Wollschal verborgen. Ich trottle nebenher in meinen Alltagsklamotten. Die Sonne scheint unbemerkt und ungehindert über Stunden auf meine Glatze. Schortie ist voller Eindrücke und kriegt zur Nacht kein Auge zu. Ich taumle an mein Bett und falle sofort in tiefstes Koma.