Ein Berliner in der Ewigen Stadt
Illustration: Klaus Zylla

BerlinRichtig angekommen ist man in einer fremden Stadt, wird man von ihren Bewohnern zu sich nach Hause eingeladen. Nach monatelangem Ausgehverbot sind gleich zwei Adressen anzusteuern. Vom Pantheon aus zu Fuß um die Ecke, nur ein paar Straßen weiter, steht als erstes Ziel Philine an. Die Frau, die von sich sagt, sie lebe im vierzehnten Jahrhundert. Kommt euch meine Puppenstübchen anschauen, lud sie uns hocherfreut ein. Seltsam, denke ich, aber vielleicht nennt man in ihrem Jahrhundert die Wohnung Puppenstübchen?

Und dann sitzen wir in ihrem Arbeitsflur, trinken Traubensaft mit Wasser verdünnt und reden ein wenig, bis die Gastgeberin sich erhebt und uns die schmale Stiege empor ins Schlafzimmer bittet. Da sind schätzungsweise an die zwanzig unterschiedlichste Stübchen versammelt. Jedes komplett eingerichtet und mit Mobiliar überfrachtet.

Zum Hinschauen schön, jede Stube für sich betrachtet. So viele tolle Details in Miniatur anzusehen. Standuhr, Kochmaschine, Grammophon. Minutenlanges Schweigen, Schwelgen und Bestaunen.

Dieser Schrank dort, flüstert Philine, stammt aus der DDR. Den Lesesessel hier habe ich selbst getischlert. Da war sie ein junges Mädchen. Das Klo hier besitzt eine richtige Spülung. Das Wasser dafür kommt hier hinten in diesen winzigen Behälter hinein. Strippe gezogen, und schon spült es.

Ich muss an meine Kindheit im Heim denken, daran, dass ich einmal einen kleinen Kohlenkasten mit Schaufel mein Eigen nannte. Den habe ich auch, ruft die Herrin der Puppenstuben aus, lenkt meinen Blick in die dunkle Ecke einer Puppenküche. Ich darf ihn auf meine Innenhand stellen. Es geht von ihm, warm und beglückend, ein Erinnerungsschub aus. Der Kohlenkasten scheint zu glühen.

Ich stelle ihn rasch wieder in seine Puppenwelt zurück und stürme zur Wohnung hinaus, die Treppe hoch auf eine von zwei kleinen Terrassen, die Philine gehören. Das heißt, auf ihr wohnen allerlei Pflanzen. Alles Hinterlassenschaften von Bekannten und Freundinnen, die weggezogen sind und sie ihr überließen.

Hier bin ich nun, kann ein wenig Gartenschau betreiben. Erdbeertopf. Kakteen mit Blüten und Früchten. Das Bäumchen aus Sizilien. Der Rosenstrauch und seine Freundin, die Schnecke mit dem violett gestreiften Gehäuse. Zwei Pfirsichfrüchte an dünnen Ästen, die über die Dachmauer schauen.

Philine hat mit Carlo telefoniert. Er wartet, sagt sie, begleitet uns bis vor seine Haustür. Die Küche ist karg eingerichtet und weiß. Es gibt Marmeladenkuchen. Über der Schicht ein kakaoartiges Geflecht aus wirklich mürbem Mürbeteig. Der würde in unseren Mündern zu Krümelstaub zerstoben, wenn ihn die Marmelade nicht an sich bände.

Die Gespräche drehen sich um Kunstaktionen in Rom, was los sein könnte, wäre die Stadt nur dran interessiert. Es fehlt an städtischen wie staatlichen Geldern, alles erstickt am Behördenkram. Für ein paar wenige Quadratmeter Kunst im öffentlichen Raum musste er letztes Mal tausend Euro Gebühr bezahlen. Simultanes Kopfschütteln.

Wir reden zu dritt bis zur Straße hinaus, begeistern uns an der Idee, eine Art Klub der Solidarität in Italiens Hauptstadt zu etablieren. Das passende Gebäude hat Carlo bereits ins Auge gefasst. Das werden wir als Hauptquartier für unsere Zwecke nutzen. Handschlag drauf zum Abschied. Dafür müssten wir nur hierbleiben, auf Zuruf in der Nähe wohnen. Philines Puppenstuben und Carlos Kunstfreunde warten darauf.