Illustration: Klaus Zylla

Rom - Aprilwetter im Oktober. In immer gleicher Abfolge blauer Himmel und Sonnenschein. Dann ziehen Schönwetterwolken auf und unter ihnen stockgraue Regenwolken mit. Schon pladdert es heftig, kurz und schmerzlos. Danach wieder Sonnenschein. „Soll i aus meim Hause raus? Soll i aus meim Hause nit raus?/ Einen Schritt raus?/ Lieber nit raus?...“, fragt in mir die Schnecke von Christian Morgenstern. 

Ausstellungseröffnung im Buchladen Leporello, Stadtteil Pigneto, von mir aus eine Stunde mit den Öffentlichen hin, eine Stunde danach von dort zurück, für ein paar Fotos, dort aufgehängt. Sag ja zum Mistwetter, flüstert die Neugierde. Ist schließlich eine von dir noch nicht aufgesuchte Gegend in Rom. Geh los. Nimm keinen Regenschirm mit. Wenn es dicke kommt, flieh in ein Café, schau dem Regen bei einem Espresso zu.

Also folge ich der guten Stimme. Tram 3 an der Pyramide und dem Kolosseum vorbei bis San Giovanni. Dort umsteigen in die grüne Metro. Ist völlig neu für mich die Linie. Muss erst einmal den richtigen Zuschlupf finden. Gibt nämlich nur noch einen für Hinein und einen für Hinaus. Ist eine moderne Station. So mit Glasfront und Schiebetüren, vor denen die Leute warten. Die Bahn fährt ein und hält exakt an den Pforten. Die Türen öffnen sich wie im Reich von Sesam. Zwei Stationen später dasselbe Spiel. Millimetergenaues Einrasten und Hinausgetreten, den Aussteigern nach zum einzigen Ausgang.

Oh, was für eine Landung, welch unbekannte Insel. Tolle Gegend, die man sofort erkunden muss. Graffiti und urige Läden. Verlockende Gassen, niedrige Wohnhäuser wie aus der Provinz hierher verfrachtet. Und drüber wachen würdig ergraute Altneubauten.

Es ziehen düstere Wolken auf und regnet ohne Vorwarnung. Drei flinke Sätze, und ich lande in einem Musikladen, der mehr ist als dem Namen nach ein solcher. Da werde ich später den Jazzfan in mir aktivieren und hierher zurückkehren, um in der Fülle fündig zu sein. Ich kaufe zweimal Coltrane, ein Doppelpack Zappa. Und wieder raus.

Die Sonne scheint Schichtwechsel zu haben, Grau in Grau hat übernommen. Es wird so flink Abend und ist so flugs dunkel. Wo er sich befinden soll, leuchtet lockend der kleine Buchladen. Sind schon recht viele Menschen da. Gute Bekannte aus der Villa-Massimo-Zeit, die dem Fotografen geholfen haben, sein Projekt umzusetzen. Ist eine schlichte Bücherbaude mit ein paar Regalen rechts wenn du reinkommst, voll mit Kunstbänden bepackt.

Gegenüber der freien Wand hängen gerahmte Fotografien von Göran Gnaudschun, um den es hier geht. Ein bauchhoher Ablagetisch steht wichtig mitten im Raum. Auf ihm zu einem Sonderthema ausgebreitet verschiedene Buchexemplare. Ein Dutzend Bilder sind bis ins Hinterstübchen drinnen verteilt. Das restliche andere Dutzend hat auf Plakatgröße gebracht an die Häuserwände geklebt den öffentlichen Raum erobert. Porträts von Bewohnern und Landschaften in der östlichen Peripherie Roms, die der Meister abgelaufen ist.

Kurze Ansprachen draußen vor der Tür. Anschließender Rundgang von Poster zu Poster. Getränke im Stehen. Smalltalk und Rückreise. Ich schlafe um Mitternacht ein und werde von schwerem Poltern wachgerissen. Aufrecht im Bett sitze ich, vernehme bange heftiges Donnergrollen. Die Nacht ein einziges Blitzlichtgewitter wie von einer kosmischen Kamera erzeugt.