Roman „Americanah“: Heimkehr der Nigerpolitaner

Berlin - Michelle Obama macht es, Oprah und Beyoncé machen es und Ifemelu macht es auch. Wie Millionen schwarzer Frauen lässt sich die Protagonistin von Chimamanda Ngozi Adichies neuem Roman die Haare plätten. Dazu braucht es ätzende, krebserregende Entkrausungsmittel und glühende Eisen, was zu eitrigem Schorf und Haarausfall führen kann. Warum tun sich Afrikanerinnen das an? Es ist eine langwierige und teure Tortur und erst ihr „heißer weißer“ Freund Curt sagt ihr, dass diese Anpassungsleistung falsch ist. Das verwundert ein wenig, spielt der Roman doch in der Jetztzeit, in der Obama Präsident wird. War da, vor fast 50 Jahren, nicht schon mal was mit Angela Davis, mit Black Panther und Power und „Black is beautiful“ und „Say it loud, I’ m black and proud“?

Offensichtlich – und das ist neben dem bis in die chinesischen „Extensions“ und Cornrow-Zöpfchen ausgeflochtenen Ding mit den Haaren, das große Thema von Adichies Roman – gibt es in Amerika noch immer Rassismus. Dass sie dies so unverblümt, aber mit vielen Alltagsanekdoten und Trivialreflexionen durchwirkt, über 600 Seiten lang ausführt, ist sicher ein Grund für den Erfolg dieses Romans. Nach dem Heartland-Preis der Chicago Tribune erhielt „Americanah“ den National Book Critics Circle Award.

Lustig, ironisch, manchmal mädchenhaft einfältig

Unterhaltsam aufbereitete schwarze Geschichte in Kino, Literatur und Kunst trifft den Nerv des gegenwärtigen Obama-Amerikas. Und weil die promovierte Medienwissenschaftlerin und in Yale studierte Afrikanistin Adichie oberschlau ist, hat sie auch das hineingewoben in ihre Geschichte um Integration und Identitätsbewahrung ihrer „Americanah“.

Denn ihre Heldin Ifemelu wird in Amerika reich und berühmt, in dem sie einen Blog über Rassismus schreibt! Unter dem Titel „Raceteenth oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“ lässt die Romanautorin ihre Bloggerin über alltägliche Demütigungen, falsche Verdächtigungen, soziale Vorurteile („Schwarze sind kriminell und faul“) und rassistisch gefärbte Sexismen plaudern. Und natürlich über die umständlichen Tricks, wie man aus drahtiger Putzwolle einen flauschigen Afro zaubert. Das ist lustig, ironisch, und schon mal etwas mädchenhaft einfältig.

Vom Friseurstuhl aus, auf dem sich Ifemelu von einer amerikanisch radebrechenden Senegalesin (die kriegt niemals eine Green-Card) ihre afrikanischen Zöpfchen machen lässt, startet der Rückblick auf eine Frauengeschichte, die in vielen Punkten den Stationen der Autorin ähnelt. Chimamanda Ngozi Adichie wuchs als Professorentochter in der nigerianischen Universitätsstadt Nsukka auf – wie der von ihr verehrte Autor Chinua Achebe, dessen ikonografischer Roman „Alles zerfällt“ in Adichie Debütroman „Blauer Hibiskus“ widerhallt. Sie ging zum Studium nach Amerika, erfuhr die Verwirrung der Einwanderin als „Herbst der Halbblindheit“, erhielt wie ihre Romanheldin ein Stipendium an der Princeton Universität, und lebt inzwischen wieder teilweise in Nigeria, in Lagos. Während Adichie selbst freilich in Yale ihren Master machte, hat ihre weniger selbstbewusste Romanschwester Ifemelu als „Professorenpartnerin“ dort nur die Fitnessstudiokarte.

Aber beide haben den Zugang zur betont „farbenblinden“ Szene versnobt veganer Akademiker, die handgemachte Teller aus der armen Welt schick finden und bei denen der „Orgasmus israelischer Frauen“ ein Promotionsthema ist,

Die 36-jährige Adichie gehört zweifellos zu jener schwarzen Elite der „Afropolitans“, wie ihre nicht minder aparte Schriftstellerkollegin Taiye Selasi die schicken, mehrsprachigen, nicht in Afrika lebenden Schwarzen labelte.

Auch ein Liebesroman

Neu ist nun, dass es die super ausgebildeten Kosmopoliten zurück auf den Heimatkontinent zieht. Auch der bislang nur in Amerika erschienene Roman des smarten New Yorkers Teju Cole soll von einer Heimkehr nach Nigeria handeln. Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass es dort nicht mehr nur Armut, Krieg und Elend gibt, sondern Aufbruch und Chancen. In Lagos zurück wird sich die scharfzüngige Ifemelu im Club der „Nigerpolitans“ dabei ertappen, dass sie inzwischen dazugehört zur Klasse der „Sie haben Sachen, die wir essen können“–Personen.

Sie hat jetzt Dienstwagen mit Chauffeur und geht als Redakteurin eines Society-Blattes auf Neureichen-Empfänge. Als sie davon genug hat, startet sie erneut einen Lifestyle-Blog, mit dem sie ihren Lebensunterhalt finanziert. Und dann erst knüpft sie an ihre Jugendliebe mit Obinze an, die sie all die Jahre nie vergessen hat. Nach seinem misslungen Versuch, in England Fuß zu fassen – erstaunlicherweise sind diese „Ghettoszenen“ die berührendsten und glaubwürdigsten des Buchs – ist auch Obinze ein reicher Lagosianer geworden. Zum Happy End mit Ifemelu muss er sich nur noch von seiner schönen Ehefrau mit Kind trennen. Denn „Americanah“ ist auch ein Liebesroman: Nach dem blonden Sonnyboy Curt und dem afroamerikanischen Yale-Professor findet Ifemelu zur wahren Liebe zurück. Das ist zu Hause – und innerhalb der Rassegrenzen.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Aus dem Englischen von Annette Grube. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 600 Seiten, 24,99 Euro.