Wie Vicki Baum der Roman „Blaupause“ wohl gefallen hätte? 255 Seiten über eine junge Frau, die in der Weimarer Republik um ihre Ausbildung zur Architektin kämpft, verfasst von der 1986 geborenen Theresia Enzensberger. Vicki Baum veröffentlichte 1929 einen Roman über eine Chemiestudentin, Irmgard Keun erzählte etwa zeitgleich von einer Sekretärin, Ruth Landshoff-Yorck von einer Reporterin. Sie alle schrieben über junge Frauen, und zwar so, wie moderne Autorinnen damals schrieben: Schnell, betont unsentimental und sachlich, denn das war das Credo der „Neuen“ Frau, die nach dem Ersten Weltkrieg um Emanzipation kämpfte.

Auch Theresia Enzensberger ist eine selbstbewusste Frau, wenn auch der Postmoderne. Sie schreibt für FAZ, FAS, Zeit online oder Monopol, gründete das vielbeachtete, „junge“ Block-Magazin. Bei all dem half sicher, Tochter eines prominenten Schriftstellers zu sein, aber ganz sicher hat sie ihren eigenen Kopf.

Koksen und kämpfen

Sie wählte für ihren Roman eine interessante Zeit, eine interessante Hauptfigur und einen interessanten Schauplatz, das Bauhaus in Weimar und Dessau. Sie lässt Walter Gropius, Johannes Itten, Paul Klee und andere „Meister“ auftreten, außerdem begegnen wir Magnus Hirschfeld und Frauenrechtlerin Helene Stöcker, letztere natürlich in Berlin.

Der Roman führt uns in Transvestitenbars, mondäne Salons und Kommunistenkneipen der Hauptstadt, es wird gekokst und gekämpft, diskutiert und getanzt, mit Frauen im Anzug und Männern im Abendkleid. Die „wilden Zwanziger“ im Schnelldurchlauf sozusagen.

Esoteriker in Kutten

Dennoch ist der Roman einer des 21. Jahrhunderts: Mit einer Ich-Erzählerin, die unermüdlich um ihr Befinden kreist, die, etwa in Beschreibung einer Liebesnacht, Formulierungen wählt, die 1923 bestimmt niemand verwendete; die über Ein- und Ausschlüsse der jeweiligen ideologischen Gruppen nachdenkt, als studiere sie im Sommersemester 2017. Aber so ist das eben in historischen Romanen, sie klingen nicht wie damals, und können es auch nicht.

Enzensberger hat offenbar gut recherchiert und präsentiert uns auch die bizarreren Seiten des Bauhauses, wie die Gruppe rund um Johannes Itten: Kutten tragende, vegetarische Esoteriker, die sich mehr für am Schädelformen ablesbare „Temperamente“ interessieren als für die Weltwirtschaftskrise. Luise verliebt sich in den schönsten von ihnen, wendet sich danach einem Kommunisten und noch später einen „Der nationale Sozialist“ lesenden Werbegrafiker zu.

Zwischen Ehrgeiz und Überforderung

Sie gerät in die Konflikte zwischen metaphysischem Kunstverständnis und Industriedesign, entdeckt Abgründe zwischen Form und Funktion. Wir lesen über den Hitzestau hinter der schicken Bauhaus-Glasfassade, über Diskussionen junger Menschen, die unfertig wirken und genau darin überzeugend sind. Es ist zum Beispiel nicht klar, ob der dritte Freund wirklich zum Nazi wird. Mit Luises Ich-Perspektive sind wir zu nah dran und wissen gleichzeitig zu wenig, um zu entscheiden. Das kriegt Enzensberger ausgezeichnet hin.

Ihre Luise schwankt zwischen Ehrgeiz und Überforderung, entwirft eine ambitionierte Wohnsiedlung, ringt mit Liebesproblemen und einem konservativen Elternhaus, trinkt zu viel, schläft zu wenig und wird in ihrer Arbeit schließlich von Kommilitonen und Professoren ausgebremst. Denn auch am Bauhaus sah man Frauen lieber in der Textilwerkstatt als im Architekturbüro. Johannes Itten schickt Luise an den Webstuhl, und zwar mit den Worten: „ … die meisten Frauen habe Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun.“ Dabei hat sie Talent.

Verbindung zur Gegenwart

Wir lesen, mit welcher Begeisterung sie an ihren Entwürfen arbeitet und wie ungeniert sie benachteiligt, übergangen, ausgebeutet wird. Ein Epilog, der Luise in die Nähe der amerikanischen Architekturkritikerin Jane Jacob rückt, umreißt, wie ihr weiteres Leben verläuft. Und welche Kritik sie gegenüber der am Bauhaus propagierten Architektur-Moderne entwickelte, wenn sie schon Anfang der 1960er-Jahre Reißbrettplanungen ablehnt und für die organisch wachsende Stadt plädiert.

Und so entfaltet Enzensberger nicht nur einen prominenten Ausschnitt der Weimarer Republik, sondern schlägt eine Verbindung zu gegenwärtigen Debatten über urbane Räume und ihre Gestaltung. Und zwar mit einer Figur, die sich nicht mit den großen Lehren ihrer Ära anschließen kann – weil sie als Frau daran gehindert wird, aber auch, weil sie nicht will.

Nähe auf den ersten Blick

Auch ohne diesen Konnex bringt uns der Roman die Vergangenheit nah heran, sie scheint gar nicht fern, zumindest nicht auf den ersten Blick. Es ist ein bisschen wie mit dem Cover des Buches, es zeigt eine nachkolorierte Schwarzweißaufnahme von Bauhausstudenten aus dem Jahr 1927. Sie könnte auch heute aufgenommen worden sein. Das ist faszinierend und irritierend zugleich.

Denn diese Studenten sind längst alt geworden und gestorben. Sie sprachen, schrieben und dachten anders wir. Das im Kopf zu behalten ist ebenso wichtig wie die Entschiedenheit, mit der junge Leute von heute sich für junge Leute von damals interessieren, ja sich in sie hineinversetzen. Unter anderem dafür ist Literatur da. Ja und vielleicht lesen sie auch einmal Irmgard Keun oder Vicki Baum, Lili Körber und Ruth Landshoff-Yorck. Oder Klaus Mann, wenn sie sich für homosexuelle Subkulturen interessieren. Ihre Bücher liegen nach wie vor in den Läden.