„Jemand hat dort Brokat gestreut, hat mit einem kosmischen Hämmerchen den Deckel durchlöchert und Scharen von Glühwürmchen aus dem schwarzen Loch gejagt“, – so kommt es der Ich-Erzählerin Wiola an einem der ersten Abende vor, die sie im heruntergekommenen kleinen Hotel Wega in Tschenstochau verbringt. Eine andere Unterkunft hatte sie nicht gefunden. „Ist das nicht schön?“, sagt Wiola zur Dackelhündin Adelka beim Anblick des nächtlichen Sternenhimmels, – und es sind diese Momente intensiver Wahrnehmungen und Wiolas Fähigkeit, sie poetisch zu packen, die den eher grauen Alltag der jungen Studentin in etwas anderes verwandeln.

Wioletta Greg schließt mit „Die Untermieterin“ an den vorherigen Roman an

Und die für die Leserin die Abenteuerreise ins Polen der 90er-Jahre auch zu einem sprachlichen Vergnügen machen. Mit „Die Untermieterin“ schließt die 45-jährige, mittlerweile in England lebende Wioletta Greg direkt an den erfolgreichen Vorgänger „Unreife Früchte“ an, der von Wiolas Kindheit und deren Ende im schlesischen Dorf Hektary erzählte. Schon damals schimmerte Sexualität wunderbar und gefährlich aus der Erwachsenenwelt herüber; als Glücksverheißung, aber auch als Potenzial, das missbraucht werden kann.

Nun also Studentin der Philologie. „Studentin“, so wird sie von den skurrilen Bewohnern der Absteige auch genannt: dem Hausmeister Waldek; den trinkfreudigen russischen Zwillingen, die immer die Flucht ergreifen, wenn sie die Stöckelschuhe der angebeteten Hotelbesitzerin Natka heranklappern hören. Auch Waldeks Liebesgeschichte ist rätselhaft. Hatte seine Liebste ihn tatsächlich belogen, als sie ihm von ihrem nächtlichen Job in der Nudelfabrik erzählte? Oder ließ sie sich stattdessen in Wahrheit vom örtlichen Mafiaboss in dessen Bordell ausbeuten?

„Die Untermieterin“ hat mit Wiola eine empfindsame Heldin

Wiola lauscht den Menschen und den Orten ihre Geschichten ab, das ist ihre Gabe. Und so erzählt sie den touristischen Wallfahrtsort Tschenstochau gleichsam von unten her, aus den Untiefen und Abgründen heraus; den Leidenschaften, halbseidenen Geschäften und dem Überlebenskampf seiner Bewohner. Wiolas Zeit im Hotel Wega endet abrupt. Und vielleicht hat die alte Dame, die ihr noch in derselben Nacht ein Zimmer anbietet, Wiolas Hellhörigkeit für die tieferen Schichten des Lebens gewittert? Denn sie, die sich bald als Oberin eines Klosters erweist, holt Wiola nicht nur gegen Mithilfe bei der Hausarbeit in ein Dachkämmerchen, sondern auch hinein in die nächste schicksalsschwere Geschichte. Aber es dauert eine Weile, bis Wiola versteht, warum die Oberin sie immer „Anula“ nennt, von einer anderen Schwester erfährt sie, dass dies der Name ihrer von den Nazis vor vielen Jahren ermordeten Tochter war.

Und so handelt das schmale Buch nicht nur davon, wie ein junger Mensch am Beginn seines Erwachsenenlebens von einem verlorenen Ort an den nächsten geschoben wird, sondern es spürt auch mit Hilfe seiner empfindsamen Heldin den meist von keiner Vernunft einholbaren, verrückten Zusammenhängen nach, die über Zeit und Ort hinaus Menschen zusammenführen. Wiola will es auch in dem besser geheizten Dachkämmerchen nicht wirklich warm werden in diesem Winter. Nicht nur hat sie Herrn Kamil immer noch nicht gefunden, in den sie sich im letzten Sommer verliebt hatte und dessen Spur sie nach Tschenstochau gefolgt war. Nein, auch in der Welt jenseits von Tschenstochau wird es irgendwie kälter. „Das Neue Jahr 1995, die Zeit der Umwandlung der Eigentumsverhältnisse, der Kundenakquise, des Kabelfernsehens, der Wertpapiere, der Emission von Staatsanleihen, der Joint Ventures, der Investitionsfonds, der Finanzpyramiden und der Prophezeiungen des Weltuntergangs explodiert auf dem Bieganski-Platz.“

Wioletta Greg erzählt luftig - die Geschichte weht durch den Schrecken der Nazis hindurch

Irgendwann taucht Herr Kamil tatsächlich auf – aber Wioletta Greg wäre nicht die Autorin, die sie ist, wenn sie damit irgendetwas als gelöst oder happy geendet erzählen wollte. Das Leben bleibt kompliziert „Meine Tage legen sich gefährlich übereinander, eine Schlinge bildend, die sich immer mehr zuzieht.“

Mit der sorgsam verdichteten Sprache der Lyrikerin, sensibel von Renate Schmidgall übersetzt, gelingt Wioletta Greg ein Erzählgebäude, so luftig, dass die Geschichte selbst, bis zurück zu den Schrecken der Nazis, hindurchwehen kann. Es gibt Dinge, die auch 50 Jahre später so frisch sind, als wären sie gestern passiert: Geschichte ist eben nicht vergangen, sondern in Menschen und Orten aufbewahrt, und wartet auf hellhörige Autorinnen wie Wioletta Greg, die es verstehen, im Heute immer auch das Gestern zu erzählen.

Wioletta Greg: Die Untermieterin. Roman. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Verlag C.H. Beck, München 2019. 154 S., 19,95 Euro Das Buch erscheint am 18. Juli.