Was Muttersein mit Identität macht: Meg Wolitzer widmet sich weiblichen Lebensläufen, nachdem Kinder zur Welt kommen.
Foto: Bally Scanion

BerlinZehn Jahre sind dann doch ziemlich lang für ein Nickerchen. Auch im Jahr 2008, als Meg Wolitzers Roman im Original als „The Ten-Year Nap“ herauskam, konnte man sich in der Regel weder in Amerika noch in Deutschland ein jahrzehntelanges „Schläfchen“ in der Karriere ohne Schaden erlauben.

Womit man mitten im Thema wäre: Dass Meg Wolitzer sich dem so häufig mit der „Kinderpause“ verbundenen Karriereknick in weiblichen Biografien zuwendet, auf gewohnt witzig-sarkastische, kluge und äußerst unterhaltsame Weise, wundert nicht. Mit ihren nun also fünf, – in schneller Folge erschienenen – Romanen hat die 1959 geborene Amerikanerin sich längst auch bei uns ihren Platz als kritische Chronistin weiblicher Lebensläufe erschrieben.

Amy Lamb, junge Anwältin, hatte Leo Buckner in einer New Yorker Kanzlei kennengelernt. Nun ist ihr Sohn Mason zehn und ab und zu schleicht sich auf ihren Wegen durch die Stadt und ins Café „Golden Horn“, in dem sie ihre Freundinnen trifft, die Frage ein: Würde sie zurück in die Kanzlei wollen? Auch die anderen „Fortysomethings“ sind „Manhattan Moms“, die das Glück haben, dass der fleißige Gatte genug Kohle für die horrenden Mieten und die Privatschulen der Kinder heranschafft.

Schon die Frage, ob das wirklich ein Glück ist, könnte man als Luxus-Spielerei betrachten. Aber Meg Wolitzer schaut ja immer auch in ihre Figuren hinein – dorthin, wo Amy es anders machen wollte als ihre entschlossen feministische Mutter, deren drei Töchter sie in ihrem Arbeitszimmer nicht stören durften. Dorthin, wo Amys beste (superkluge) Freundin Jill Hamlin nun in den „suburbs“ damit hadert, dass das kleine osteuropäische, von Donald und ihr adoptierte Mädchen keine hochbegabte grazile Elfe ist, sondern ein geistig verlangsamtes Kind mit schlechter Haut, das gern ein rätselhaftes Lied vor sich hin singt: „Rise, sorrow, ’neath the saffron sister tree“.

Indem Meg Wolitzer ihren Roman um die Frage herum baut, wie Paare ihr Leben einrichten, sobald Kinder kommen, richtet sie das Augenmerk auch auf die große Un- oder Halbbewusstheit, mit der es dann oft weitergeht. Mütter, die beruflich zurückrudern, und es selbst bald nicht mehr so genau wissen wollen, wohin ihre professionellen Kompetenzen, ihr Ehrgeiz und ihre Lust an der Welt außerhalb des Privaten gegangen sind.

Meg Wolitzer: Die Zehnjahrespause

Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Dumont, Köln 2019. 415 S., 24 Euro

Wolitzers Roman buchstabiert diese halb bewussten Standortbestimmungen nicht nur in den Lebenswegen der vier Freundinnen aus, sondern unternimmt auch Exkurse zu deren Müttern. Wo Jill damit umzugehen hat, dass ihre Mutter ihre künstlerische Laufbahn dem klassischen Familienweg geopfert und dafür mit Depression und letztlich Suizid bezahlt hat, steht hinter Karen eine Mutter, die mit über den Restaurantkochtöpfen hochgekrempelten Armen allen Erfolg im Leben am wirtschaftlichen Aufstieg misst – Karen wird doch wohl nicht so dumm sein und freiwillig wieder zu arbeiten anfangen …

Man ist Kind seiner Zeit, vor allem aber ist man Kind seiner Mutter. Und vielleicht entscheidet vor allem Letzteres darüber, wie Frauen sich einrichten und womit sie zufrieden sind. Immer wieder schwappt in der unterhaltsamen Lektüre auch ein kleiner Schwung jener Lebenslangeweile zur Leserin hinüber, mit der es Vollzeitmütter eines einzigen Kindes eben auch zu tun haben. Und so kann Amy gar nichts gelegener kommen als jener Zufall, der sie bei einer „Sicherheitsbegehung“ um Masons Schule mit der von fern bewunderten (berufstätigen) Penny Ramsey zusammenführt und mitten hinein in deren heimliche Liebesgeschichte. Oh, wie aufregend das Leben plötzlich wieder ist, jetzt, da es sie aus der Vorhersehbarkeit ihres häuslichen Lebens noch einmal in die unabsehbaren Zonen der Leidenschaft geführt hat, und sei es als Zaungast!  

Seine größten Stärken entwickelt das Buch aber gar nicht im sich spannungsvoll steigernden Plot, sondern in den witzigen, für Wolitzer typischen Nebenszenen: Wenn das erotische Knistern zwischen Penny und Ian, deren zufällige Zeugin Amy wird, beide Frauen bei ihrem Kontrollgang so vereinnahmt, dass ein paar Meter weiter ein Schüler unbemerkt überfallen werden kann. Oder wenn eine Musiklehrerin das Talent der kleinen Nadia nicht zuletzt daran erkennt, dass es den Werbesong aus dem Fernsehen – „Rice-a-Roni, the San Francisco treat“ – in ein hochpoetisches Lied verwandelt hat.

Was Muttersein mit Identität macht: Wolitzers Buch kann als die unterhaltsame Variante jener selben Frage genossen werden, die Rachel Cusks „Lebenswerk“ gerade auf dem Wege brillanter Selbsterforschung stellt.