Berlin ist, trotz aller Bemühungen, keine Modestadt. Auch die jährliche Fashion Week vermag daran nichts zu ändern. Neben den großen Schauen von Paris, London, Mailand und New York verblasst der Mercedes Benz Laufsteg. Doch das war nicht immer so. „Die Modewelt der 30er Jahre in Berlin war irrsinnig kreativ und vernetzt. Es war ein absolut globaler Geschäftszweig. Das, was wir heute gerne hätten, hatten die damals“, sagt Uwe Westphal, Autor des Romans „Ehrenfried & Cohn“.

Der Schriftsteller porträtiert in seinem Buch den Untergang einer ganzen Industrie. Eine Industrie, die vor der Zeit des Nationalsozialismus von jüdischen Händlern, Exporteuren und Designern geprägt wurde. 1935 waren über 85 000 Menschen in Berlin in der Modebranche beschäftigt. Über 1 000 jüdische Modebetriebe gab es in der Stadt. Nach dem zweiten Weltkrieg waren gerade noch zwei davon übrig. In der Reichsprogromnacht wurde eines der ältesten Berliner Warenhäuser, Nathan Israel, gänzlich zerstört.

„Ab 1934 hat das nationalsozialistische Regime einen systematischen Raubzug betrieben“, erklärt Westphal. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich der Journalist und Autor mit der Berliner Modebranche und ihrem Verschwinden durch die Arisierung. Auf dem Hausvogteiplatz, dem damaligen Herz der Modeszene, ließ er in Erinnerung an die jüdischen Geschäftsleute ein Denkmal errichten. 1986 veröffentlichte er das umfassende Sachbuch „Berliner Konfektion und Mode 1936-1939“. Nun hat er sich der Fiktion zugewandt: „Nach dem Erscheinen meines ersten Buches habe ich so viel Post erhalten. Originaldokumente, Fotografien, Biografien. Da habe ich mir damals versprochen, dass ich all diese Lebensgeschichten mal in einem Roman verarbeiten würde“.

Verbildlichung der damaligen Situation

Im Zentrum der Handlung von „Ehrenfried und Cohn“ stehen zwei jüdische Händler, die die Lebensberichte Hunderter jüdischer Konfektionäre verkörpern. Ihre Charaktere bleiben etwas flach, doch das ist gewollt. Der Roman soll ein Schicksal versinnbildlichen, das viele Juden in dieser Zeit ereilte. Was der Autor am Hausvogteiplatz in Stein hauen ließ, erschafft er nun mit Worten: Ein Denkmal.

Er konstatiert, er kommentiert fast nie. „Ich bin von Haus aus Journalist, das merkt man auch an meinem Stil.“ Seine Sprache bleibt nüchtern, beobachtend, fast dokumentarisch. Nur so hätte er der Vielzahl von Lebensberichten, die er erhalten und verarbeitet hat, gerecht werden können. In diesem Fall sind es nun eben die zwei ehrgeizigen jüdischen Modemacher Kurt Ehrenfried und Simon Cohn, die eines der erfolgreichsten Warenhäuser am Hausvogteiplatz besitzen, sowie ihr Mitarbeiter Landauer. Cohn und Ehrenfried leben für ihre Arbeit, Landauer widmet sich auch der Religion. Cohn, Ehrenfried und Landauer begegnen sich hier in einem Spannungsverhältnis, das typisch ist für die in der Diaspora lebenden Juden der damaligen Zeit.

Während es den beiden Inhabern darum geht, sich von den osteuropäischen Juden aus dem „Schtetl“ abzugrenzen, will Landauer auch in Deutschland die jüdischen Traditionen leben: „Ehrenfried mochte Landauer – aber er war für ihn auch die Vergangenheit, das Alte Testament, und beides passte, so meinte Ehrenfried, nicht in die heutige Zeit“. Doch je angespannter die Situation in Europa wird, desto näher rücken die drei Modemacher zusammen. Gemeinsam arbeiten sie an einer Modenschau anlässlich der Olympischen Spiele im Jahre 1936. Eine große Ehre. Ein rauschender Erfolg.

Flucht nach Palästina

Doch die Glückssträhne soll nicht lange andauern; nur einige Monate später ist Cohn dazu gezwungen, nach Palästina zu fliehen. Ehrenfried gelingt die Ausreise nach London. Sie und ihre Kollegen hinterlassen ein Vakuum; eine Leere, die Berlin bis heute nicht füllen kann. „In Israel findet man einige Modehäuser mit deutschen Namen. Die haben sich dort ihre Existenz wieder aufgebaut“, erzählt Westphal.

Nur wenige Menschen sind sich bewusst, dass die Hauptstadt mal die schillernde Modemetropole Europas war und warum diese Gewerbe gänzlich niedergegangen ist. „Die Berliner Mode muss sich unbedingt an ihre Wurzeln erinnern“, findet Westphal. „ Vielleicht wird sie dann irgendwann auch wieder international mitspielen können.“