An diesem Abend sitzt Fatma Aydemir in der Georg Büchner Buchhandlung in Prenzlauer Berg. Sie hat an einem kleinen Tisch Platz genommen. Es ist voll, immer neue Klappstühle müssen aus dem Hinterzimmer geholt werden. Die meisten Zuhörer sind älter als die Autorin. Fatma Aydemir ist 30. Die Buchladenchefin kündigt Aydemirs Debüt als einen „Wahnsinn von einem Roman“ an. „Ellbogen“ heißt das Buch.

Die Moderatorin warnt, die Protagonistin des Buches sei nicht das Alter Ego der Autorin. Die Annahme, dies sei vielleicht autobiografischer Stoff, liegt nahe, hat hier doch eine junge Frau mit Migrationshintergrund ein Buch über eine junge Frau mit Migrationshintergrund geschrieben. Aber Annahmen können falsch sein.

Als Fatma Aydemir zu lesen beginnt, hört man den weichen Singsang ihrer süddeutschen Heimatstadt. Sie kommt aus Karlsruhe. Die Heldin ihres Romans stammt aus dem Wedding, weit weg von Karlsruhe, weit weg auch von Prenzlauer Berg, selbst wenn man mit dem Rad in fünf Minuten dort wäre. Fatma Aydemir erzählt, sie habe den Wedding von früheren Berlin-Besuchen gekannt, Verwandte lebten dort.

Gegen die Wand

Hazal, die Hauptfigur des Romans, ist fast 18, sie absolviert einen Berufsvorbereitungskurs, hat 60 Bewerbungen geschrieben, aber ohne Erfolg. Dabei will sie nur Verkäuferin werden. Nebenbei jobbt sie in der Bäckerei eines Onkels und fragt sich, ob sie ihr Leben jetzt schon für verpfuscht halten soll. Und sie hat eine Wut in sich, wie sie einem in der Literatur lange nicht begegnet ist.

Es ist auch lange her, dass die fiktive Figur einer Deutschtürkin in Deutschland derart vernehmbar aufgetreten ist. Es war Sibel, die junge Frau in Fatih Akins Film „Gegen die Wand“, die gegen ihr traditionelles Elternhaus rebelliert, die ihr eigenes Leben leben möchte und zum Schein eine Ehe mit einem türkischen Alkoholiker eingeht. „Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken“, sagt sie. Die Ehe ist ein Deal, der ihr das ermöglichen soll.

Der Film kam 2004 ins Kino, Fatma Aydemir war damals so alt wie ihre Protagonistin: 18. Sie sagt, dass dieser Film umheimlich wichtig für sie, für ihre ganze Generation gewesen sei. „Das war der erste deutsche Film mit einer Hauptfigur, mit der ich mich identifizieren konnte.“ In ihrem Buch erweist sie ihm eine Reverenz. Hazal sieht den Film zusammen mit der Mutter. Sie ist wie aufgeputscht, hat zum ersten Mal das Gefühl, nicht unsichtbar zu sein. „Als der Abspann lief, wusste ich: Irgendwas hat ‚Gegen die Wand‘ grade mit mir gemacht, irgendwas ist jetzt für immer anders.“

Und doch: Für Hazal scheint sich zunächst nicht viel geändert zu haben. Sie führt ein Doppelleben, tut vor der Familie brav. Und macht heimlich das, was sie eigentlich will: kiffen, trinken, ausgehen und per Skype mit einer Internet-Bekanntschaft flirten, einem Deutschtürken, der in die Türkei abgeschoben worden ist und in Istanbul lebt.

Lesung von Fatma Aydemir am Kollwitzplatz

Fatma Aydemir hat für ihre Lesung am Kollwitzplatz Stellen ausgewählt, die klarmachen, in was für einer Welt ihre Protagonistin lebt. Da ist der Vater, Taxifahrer, der zu Hause immer schweigt . Abends verzieht er sich ins Café, wo er andere Männer trifft, die es zu Hause nicht aushalten. Und da ist die Mutter, die mit ihrem hässlichen Seitenscheitel den ganzen Tag vorm Fernseher hängt und türkische Serien guckt oder auf dem Handy Candy Crush spielt. Die alles verbietet und die Tochter mit „Todesblicken“ bedenkt, weil sie deren Ausschnitt zu weit findet. „Hazal, machst du Cay“, ruft sie. Manchmal schlägt sie auch nur mit ihrem Löffelchen gegen das Teeglas.

Es ist die gnadenlose Perspektive der Pubertät, mit der Fatma Aydemir ihre Protagonistin auf das Elternhaus blicken lässt. Hazal versucht dieser heimischen Mischung aus Kontrolle und Gleichgültigkeit so oft wie möglich zu entfliehen. „Es geht nur darum, den anderen überzeugende Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen. So funktioniert Familie. Immer sachlich bleiben“, lässt Fatma Aydemir im Buch Hazals Tante sagen.

Ein paar Tage vor der Lesung im Café der Berlinischen Galerie. Fatma Aydemir hat diesen Ort für ein Treffen vorgeschlagen, er liegt nicht weit von ihrem Arbeitsplatz bei der taz entfernt. Sie ist sehr beschäftigt in diesen Tagen der intensiven Türkeiberichterstattung. Noch dazu leitet sie das Internetportal taz.gazeta, das seit Anfang des Jahres türkischen Journalisten eine Plattform gibt. Viele von ihnen können in ihrem Land nicht mehr veröffentlichen. Die Texte erscheinen auf Türkisch und auf Deutsch. Und dann sind da noch die Lesungen. Für den Fotografen streicht Fatma Aydemir die langen dunklen Haare aus dem Gesicht. Sie lächelt nicht für die Fotos.

„Hazals Wut ist auch meine Wut“, sagt Fatma Aydemir. Sie komme zumindest aus denselben Problemen. „Da draußen rennen Leute rum, die denken, sie können sich alles rausnehmen.“ Was sind das für Leute? „Mann, weiß, Kohle, gebildet“, sagt Fatma Aydemir. „Das ist auch ein gutes Bild für die AfD, da verschränken sich Rassismus und Sexismus.“ Jetzt hört man die Journalistin.

Dieselbe Wut, ein anderes Leben. Ihre Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland, ihre Eltern waren Teenager, als sie hierherzogen. Es ist also nicht klar, ob Fatma Aydemir zur zweiten oder zur dritten Einwanderergeneration gehört. Sie erzählt, dass sie auf eine weiterführende Schule ging, auf der sie nicht die Einzige war, deren Eltern nicht in Deutschland geboren waren, dass sie Abitur gemacht hat und dann aus Karlsruhe weggezogen ist. „Es war wahnsinnig langweilig dort“, sagt sie. „Ich habe nur darauf gewartet, dass ich endlich abhauen konnte.“ Sie ging nach Frankfurt am Main, studierte dort Germanistik und Amerikanistik, lebte eine Zeit lang in San Diego. „Ich habe Glück gehabt“, sagt sie.

Sehnsuchtsort der Deutschtürken

Wie dieses Glück zustande gekommen ist? „Das ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist.“ Die Voraussetzungen waren nicht günstig. Sie sei die einzige Nichtdeutsche an der Grundschule gewesen, immer auffällig. Sie habe stets zeigen müssen, dass sie auch was kann.

„Im Wedding hat man nicht das Problem, dass man als Fatma anders ist“, sagt sie, die erst nach dem Studium nach Berlin zog. In der deutschen Provinz ist ihr oft gezeigt worden, dass sie nicht dazugehört. „Leute mit muslimischen Namen, mit dunklerer Haut haben einfach nicht dieselben Chancen.“ Die Richtung, in die das Gespräch jetzt läuft, gefällt ihr nicht. „Ich will nicht als die arme Fatma gesehen werden.“ Sie will lieber über ihr Buch sprechen.

Fatma Aydemir erzählt, dass sie es in drei aufeinanderfolgenden Sommern in Istanbul geschrieben hat, dem Sehnsuchtsort der Deutschtürken, auch wenn sie die Stadt nur „ aus dem Fenster des Busses, der uns jeden zweiten Sommer vom Flughafen in unsere stinklangweiligen Käffer kutschiert“ kennen, wie sie schreibt. Für sie ist dieser Sehnsuchtsort durch ihre Aufenthalte entzaubert. „Istanbul ist die schönste Stadt der Welt“, sagt sie. Aber sie sagt auch, dass die meisten Istanbuler den Bosporus vielleicht drei Mal im Jahr sehen, weil sie in Betonburgen weit vom Zentrum leben. „Und im Moment kriege ich nur E-Mails von Freunden, die aus Istanbul wegwollen.“ Im Sommer 2016, dem Sommer, in dem das Buch fertig wird, erlebt Fatma Aydemir den Putsch in der Stadt. „Das hat mich aus dem Konzept gebracht, und mir das Ende für das Buch geliefert.“ Sie lässt diese Nacht auch Hazal, die Hauptfigur des Buches, erleben.

Am Ende des ersten Sommers hatte Fatma Aydemir alles, was sie geschrieben hatte, in den Müll geworfen. Sie hatte den Sound noch nicht gefunden, der dieses Buch trägt und authentisch wirken lässt. Die Sprache, die Hazal und die Freundinnen jetzt im Buch sprechen, ist eine Kunstsprache, auch wenn darin von „Opfern“ und „Muschis“ die Rede ist. „Es ist irgendwas aus dem, wie ich früher mit meinen Freundinnen gesprochen habe und was auf dem Blatt funktioniert“, sagt Fatma Aydemir. „Kartoffeln“ heißen die Vertreter der Mehrheitsgesellschaft in dieser Sprache. Im Buch sind sie Randfiguren.

Sie sind es aber, die in der Nacht, in der Hazal mit ihren Freundinnen Geburtstag feiern will, hineinkommen in den Club. Hazal, Gül und Emra, aufgedonnert, angetrunken, scheitern an der Tür. „Wären wir aus Polen oder Spanien oder so und hätten dreckige Turnschuhe an, wären wir bestimmt reingekommen. Diese Bastarde.“ Dass Fatma Aydemirs Buchvorstellung vor ein paar Wochen im Berghain stattgefunden hat, einem Club also, kann man als ironischen Kommentar verstehen. Vielleicht war es eine Genugtuung.

Hölzerne Pfeffermühlen

Die Nacht der Abweisung ist die Nacht, in der Hazals Wut sich den Weg nach draußen bahnt. Es sei diese Gewaltszene in der U-Bahn gewesen, die zuerst dagewesen sei, sagt Fatma Aydemir. Um die Szene herum scheint sie das Buch geschrieben zu haben. Die Medienberichte über Attacken in der U-Bahn hatten sie schon lange interessiert, sagt sie, die Erklärungsversuche, warum Migranten so etwas tun. Sie frage sich, warum man die Ursachen dafür immer irgendwo anders suche, in den Herkunftsländern etwa. In dem Buchladen am Kollwitzplatz liest Aydemir an diesem Abend eine Stelle vor, in der Hazal nach dem Ausbruch der Gewalt die Leute in der U-Bahn betrachtet. „Sie haben alle Ziele, die sie ansteuern, Türen, die sich für sie öffnen. (...) Sie besitzen Kram, sie verreisen, sie schlafen in Doppelbetten mit ihren Liebhabern, die ihnen dann morgens Kaffee kochen, sie lesen nicht die Bild-Zeitung, sie kaufen nicht bei Primark, sie haben Ansprüche und Abschlüsse und Jobs und schwere hölzerne Pfeffermühlen.“ Die Leute im Publikum lachen, das mit den Pfeffermühlen kommt ihnen wohl bekannt vor.

„Was kann aus Hazal werden?“, fragt eine ältere Frau unter den Zuhörern. „Alles“, sagt Fatma Aydemir spontan. Denn sie habe angefangen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, über ihr Leben selbst zu bestimmen. „Ich glaube, das ist ein Buch über Identität“, sagt ein junger Mann. „Natürlich hat mich das Nachdenken über Identität zu diesem Buch gebracht“, sagt die Autorin. Die Identität dieser Generation, die mit dem Gedanken aufwachse, dass ihre Heimat woanders sei.

Identität ist das große Thema des Romans. Es ist eine Identität, die keine sichere Basis bietet, sondern Grund für Verunsicherung ist – weil sie nicht selbstbestimmt ist, weil sie aus Zuschreibungen besteht. Sie machen aus denen, um die es geht, „arme türkische Mädchen“ oder jemanden, der „bestimmt öfter klaut“, wie der Ladendetektiv in einer Drogerie zu Hazal sagt, die einen Lippenstift hat mitgehen lassen.

Eine solche Identität kann ein Fluch sein. Und so geht der Buchtitel auf die Ellbogen zurück, „die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder und immer noch“. Die Spannung, die dieser Roman erzeugt, erwächst auch aus der Distanz zwischen dem, was da erzählt wird, und dem Leser, der solche Identitätsprobleme nicht hat und sich als Teil des Problems zu begreifen beginnt.

„Wie haben Sie die Frage nach der Identität gelöst“, fragt der junge Mann. Fatma Aydemir vermeidet es, für sich zu antworten. Hazal sei zwölf Jahre jünger als sie. „Vielleicht wird sie irgendwann feststellen, dass das Heimatgefühl nicht greift, dass das aber nicht schlimm ist.“ Dass doch viele in einem Hybrid-Zustand lebten, in dem es verschiedene Einflüsse gebe. Jetzt spricht Fatma Aydemir wohl auch von sich selbst.

Fatma Aydemir: Ellbogen. Carl Hanser Verlag, München 2017 (Leseprobe, PDF-Dokument)