Die Erzählerin arbeitet als Aufseherin in einem Kunstmuseum. Sie ist jung, hat ihr Studium nicht beendet, der Job ist eher etwas für den Übergang. Sie lebt mit einem Mann zusammen, Manuel, und liebt einen anderen, Adam, aber dauernd bei Adam sein möchte sie auch nicht. Die „Fünf Jahreszeiten“ von Winter bis Winter, die Meral Kureyshis Roman den Titel geben, zeigen eine Frau im Dazwischen, nicht unzufrieden ist sie, aber auch nicht glücklich. Sie lebt in der Schweiz, man erfährt davon durch den Namen des Flusses in der Nähe des Museums, Aare, sie reist der Liebe und der Kunst wegen auch an die Seine und die Spree. „Ich bin mit jedem Menschen anders, das kann ich beobachten, passe mich an wie ein Chamäleon, meine Gesten, meine Mimik, sogar meine Tonlage ändert sich.“

Der Roman hat keine Handlung im Sinne eines nacherzählbaren Plots, auch wenn die Heldin natürlich etwas tut. Sie ist erwachsen, aber noch nicht an einem Platz im Leben festgewachsen. Das Dazwischen ist Teil ihrer Biografie. Ihre Großmutter-Erinnerungen sind mit anderen Farben und Gerüchen, auch mit einer Moschee verbunden. Ihr Vater ist schon eine Weile tot, „Baba“ heißt er in ihren Gedanken. Die Mutter ist ungehalten, als sie im Telefonat auf einmal deutsch spricht. „Bitte entschuldige, sage ich in ihrer Sprache, meiner Muttersprache, eine Sprache, die sich langsam auflöst, bis wir keine Sprache mehr zusammen haben werden, meine Kindersprache, unsere Familiensprache.“

Die Autorin, heute 37 Jahre alt, ist in Prizren im Kosovo geboren, während des Jugoslawienkriegs 1992 zog ihre Familie in die Schweiz. Mit ihrem ersten Roman „Elefanten im Garten“ war sie für den Schweizer Buchpreis nominiert, mit einem Auszug aus „Fünf Jahreszeiten“ wurde sie zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen. Dort konnte sie nicht überzeugen. Dass die Erzählerin sich ziel- und ehrgeizlos treiben lässt, bekümmerte die Jury in dem halbstündigen Lese-Vortrag stärker, als dass die fließende Sprache Kureyshis und ihre stimmigen Bilder sie überzeugte. Doch mit dem Verlauf der Jahreszeiten verfangen die Unbestimmtheit als Lebensgefühl und auch die Schreibhaltung Kureyshis immer mehr: Die Erzählerin blickt nach außen und innen.

Meral Kureyshi: Fünf Jahreszeiten. Roman. Limmat Verlag, Zürich 2020. 200 S., 24 Euro