Roman „Handbuch der Zeiten“: Bei Stefan Agopians hat das „Verrückte“ poetische Methode

In seinen 2013 in Rumänien erschienen Erinnerungen erzählt Stefan Agopian, wie er Anfang der 70er-Jahre auf der Krankenstation seiner Militäreinheit als Sanitäter arbeitete. In Vertretung des aushäusigen Arztes musste er einen an hohem Fieber Erkrankten behandeln und erkundigte sich bei einem Kameraden, der Viehdoktor war, nach der zu verabreichenden Menge an Antibiotika. Der Veterinär empfahl die Hälfte dessen, was er sonst einer Kuh zuteile. „Am darauffolgenden Tag“, beschließt Agopian die Episode lakonisch, „erfuhren wir vom Arzt, wir hätten dem Patienten fast das Fünffache der für einen Menschen üblichen Dosis verabreicht und könnten von Glück sagen, dass er nicht gestorben sei. Aber er war nicht nur nicht gestorben, sondern hatte sich innerhalb zweier Stunden frisch und gesund vom Krankenbett erhoben.“

So verrückt, balkanisch absurd und burlesk, wie es nicht selten im Leben des 1947 geborenen Stefan Agopian zuging, der in erbärmlichen Familienverhältnissen und der Misere einer Bukarester Vorstadt aufwuchs, weshalb dem späteren Schriftsteller und Bohemien nichts Menschliches fremd ist, geht es auch in seiner Prosa zu, die für viele Autoren der jüngeren Generation bis heute Vorbildcharakter besitzt. In dem knapp hundert Seiten langen Roman „Handbuch der Zeiten“ von 1984, einem Klassiker der zeitgenössischen rumänischen Literatur, der nun dankenswerter Weise im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist, hat das „Verrückte“ poetische Methode.

In diesem Buch gibt es nichts, was es nicht gibt: Kakodämonen und Pandidaktiker, die sich um die Bedeutung der Bohne streiten, einen Riesenvogel namens Odysseus, Stymphaliden, die sich mit Wölfen paarten, woraus die blutrünstige Hunderasse der Molosser hervorging, Engel in allen Varianten, schnarchende Engel, zwergkleine Engel, Engel fett wie Tauben, sich an Fußsohlen wärmende Teufelchen, einen enzyklopädisch gebildeten Hund namens Magog, nicht zuletzt einen Spitzel, der für den Herrscher Listen derer anlegt, die sich als seine Feinde zu erkennen gegeben haben, weil sie verbreiten, „die Winter wären nicht mehr das, was sie einmal waren, wegen deines Wahnsinns, der du alles auf den Kopf gestellt hättest“ – ein Schelm, der dabei an Ceausescu denkt.

Stefan Agopian zumindest ist ein Schelm. Dass das „Handbuch der Zeiten“ trotz solcher Anspielungen die Zensur passierte, lag wohl vor allem daran – wie sein Verleger Jörg Sundermeier im Nachwort schreibt –, dass die zuständige Dame der Zensurbehörde sich offenbar mit der historischen Zeit begnügte, in der die Geschichte angesiedelt war. Es sind die Jahre 1801–1808, freilich ohne dabei irgendeine chronologische Ordnung einzuhalten.

Wer also auf der ersten Seite liest: „Im Jahre 1807 waren Moskowiterbälle in Mode, die Menschen hatten Pazvantoglu gelesen, die Türken hatten sich im Lande rar-, die Moskowiter breitgemacht“, sollte sich nicht behaglich zurücklehnen und denken, er halte einen süffigen historischen Roman in der Hand. Landschaft und Daten mögen dem Geschehen Konsistenz verleihen – es ist aber so alptraumhaft fantastisch wie das zuvor geschilderte Ensemble seiner Figuren und hält, darüber hinaus, fliegende Sessel, sprechende Eingangsschilder oder sich in Ohren verwandelnde Wände, in die man hinein urinieren kann, bereit.

Verspielt-poetische Sprache

Agopians Anti-Helden wiederum, der Geograf Ioan Marin, der vom Nebelland Engliterra träumt, und der Armenier Zadic, welcher vorgibt, bereits Dutzende von Berufen ausgeübt zu haben, darunter die des „Bonbonpapieristen“ und des „Hornviehgroßisten“, diese schon zu Beginn des Buches mit Brummschädeln in einer Pfütze erwachenden Trunkenbolde könnten balkanische Brüder der in „gottverlassener Gegend“ auf Godot wartenden Waldimir und Estragon sein. Gewiss wirken Agopians Clochards lustiger als die beiden Landstreicher Becketts, aber sie teilen deren Trägheit und völlig hoffnungslose Sicht auf das Leben. Kein Zufall jedenfalls, dass das dialogreiche „Handbuch der Zeiten“ vom Autor später dramatisiert wurde.

Wenn auch von einer Handlung in den sechs Romankapiteln kaum die Rede sein kann, ist in ihnen doch so einiges los, selbst wenn die Protagonisten nicht immer gleich beschossen werden: „Die Bleikugeln flogen an ihnen vorüber wie wahre Fliegen und zerrten an ihren Nerven.“ Im erfindungsreichen Welttheater Agopians wirbelt alles durcheinander. Und dabei geht es hochkomisch zu, noch dort, wo Ioan und Zadic im Lazarett einen Offizier mit gespaltenem Schädel begrüßen und sich fragen, ob sie nicht auch recht eigentlich schon tot sind.

Dass der Roman an Ikonenmalerei erinnert, liegt nicht nur an den historischen Gewändern, den Engeln und Teufeln, auch nicht an der Statik, in der das turbulente Treiben verharrt, sondern an der von Eva Ruth Wemme überzeugend ins Deutsche gebrachten verspielt-poetischen Sprache, die sich wie der Goldgrund seiner Bildtafeln ausnimmt. Es ist die Sprache, die Stefan Agopian zum Dichter überwältigender, rührender und gleichzeitig lustigster Vergeblichkeit macht.