Diese Autorin wagt etwas. Die Stimme, die sie in ihrem ersten Roman als Ich sprechen lässt, ist die eines jungen Mannes. Eines Musikers, der darum ringt, mit seinem Cello so verwachsen zu sein, wie es sein Lehrer wünscht. Er möchte das, was er auf den Notenlinien sieht, so zum Klingen bringen, dass  es  tief empfunden wirkt. 

Mevissen übersetzt das Hörbare in Schrift

Schaut man sich die Kurzbiografie der 1991 geborenen Autorin Katharina Mevissen im Umschlag von „Ich kann dich hören“ an, steht da nichts von einer musikalischen Ausbildung. Kultur- und Literaturwissenschaft hat sie studiert, einen Drehbuchkurs absolviert. Doch der Autorin gelingt es ausgezeichnet, das sonst nur Hörbare in Schrift zu übersetzen.

Um die Musik zu begreifen, von der im Roman die Rede ist, braucht man die Playlist nicht, die als QR-Code für Spotify am Ende des Buches steht. Denn Mevissen kann schreiben, wie die Klänge sich aus den Händen ihres Helden formen: „Ich setze neu an, suche nach einem Ton, mit dem ich anfangen kann. Es ist ein tiefer, vibrierender Ton, der mich einschließt, dunkel und lehmig, und anhält, ich weiß nicht, wie lange.“ 

Der Lehrer Herr Kosaki lässt sich nicht überreden, den vierten Satz von Antonín Dvoráks Cellokonzert in h-Moll wohlwollend anzuhören, solange ihm der dritte nicht gefällt: „Nehmen Sie die Kraft raus. Da wird es fragil, scheu, fragend. Nieselregen. Bitte.“ Und aus der Perspektive des Erzählers lesen wir: „An solchen Tagen hasse ich es, dass man sich hinter Musik nicht verstecken kann. Dass sie einen durchsichtig macht und hören lässt, wie kaputt, krank, schlapp, blockiert man ist. Sie nimmt das alles in sich auf und entblößt es, zumindest für Menschen wie Kosaki.“

Mevissens Erzähler stellt Fragen nach der Identität

In seinem Kopf rumort es, weil er erfahren hat, dass  sein Vater sich einen komplizierten Bruch am Handgelenk zugezogen hat. Die Hand ist dessen Bindeglied zur Musik, ohne sie kann er seine Geige nicht bedienen. Der Vater will sich aber nicht den Fragen an die Zukunft stellen. Arbeitslos? Berufsunfähig? Auch der Erzähler Osman will diesen Fragen ausweichen, zumal er extra nach Hamburg gezogen ist, um weit weg vom Vater zu sein.

Lieber steigt er hinab in die Aufnahmen eines Diktiergeräts, das eine Studentin verloren hat, die Stimme der Frau fasziniert ihn, was sie berichtet, steckt voller Rätsel. Mit diesen fremden Worten, als eine eigene Geschichte eingestreut ins Buch, zieht er sich zurück.

Nach und nach enthüllt sich, dass Osman, den die Autorin über weite Strecken den Roman erzählend bestimmen lässt, nicht nur mit seinem Selbstverständnis als Musiker zu kämpfen hat und mit der vorgeblichen Sorglosigkeit des Vaters. Da steht auch die Frage nach der kulturellen Identität. Osmans Vater Suat stammt aus der Türkei, behauptet aber, sich allein in der Musik heimisch zu fühlen.

Vielleicht spielt in den international zusammengesetzten, auf Tourneen um die Welt reisenden Orchestern die Herkunft des Einzelnen keine Rolle, vielleicht hat man es hier mit einem multiethnischen Ideal für unsere Gegenwart zu tun. Doch Suat lebt nicht nur als Musiker, sondern auch als Vater in Deutschland. So wird seine Herkunft reduziert als „Familienangelegenheit“. Suats Schwester, die seine Kinder erzog, seit seine deutsche Frau verschwunden ist, stößt ihn auf die Wurzeln. Die Autorin weist an dieser Stelle  auf eine unbehandelte Wunde. 

Die Autorin fragt, wie Türken hier das Deutsche annehmen

Da wechselt Katharina Mevissen die Perspektive und lässt durch die Augen von Elide schauen, Osmans Tante. Sie benutzt ihre „Mutterzunge“, ihre „Haussprache“ – das Türkische. Der Roman, der so übersichtlich begann als die Geschichte eines hoffnungsvollen jungen Cellisten, entpuppt sich als eine Untersuchung von Sprache und Sprachlosigkeit auf mehreren Ebenen: Es geht um die Ausdrucksmöglichkeiten mit Musik. Es geht um die Annahme des Deutschen für Menschen, die mit Türkisch aufgewachsen sind. Es geht zudem um das Sprechen von Sprachlosen, wenn sich das Geheimnis des Diktiergeräts enthüllt. 

„Ein Roman wie ein Lied“, steht auf dem Klappentext des Buches, aber das greift zu kurz. Wollte man Aufbau und Wirkung dieses besonderen Romans in ein Musikstück übersetzen, brauchte man eine mehrsätzige Komposition für Kammerorchester. In Katharina Mevissens Schreibweise steckt sehr viel Zartheit: „Obwohl oder vielleicht gerade weil sie diese Frage so leise ausgesprochen hat, breitet sie sich im Raum aus und legt sich wie ein Film auf alle Oberflächen, auf die Möbel, Wände und mein Gesicht.“ Doch die Autorin stellt auch Dissonanzen aus, den Leser durchschüttelnde Passagen. Die Sprache des Romans folgt verschiedenen Rhythmen und klingt noch lange nach.

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören. Roman. Wagenbach, Berlin 2019. 168 S., 19 Euro

Lesung 5. 3., 20 Uhr, Dante Connection, Oranienstr. 165 a