Der kalte Krieg ist zurzeit mal wieder ein heißes Thema – und das nicht nur politisch. Wüsste man nicht, dass Filme und Romane eine gewisse Vorlaufzeit benötigen und nicht wie Zeitungsartikel von heute auf Knopfdruck entstehen, könnte man meinen, Steven Spielberg oder auch Joseph Kanon hätten kurz den Finger in den Wind gehalten, um zu erspüren, woher selbiger weht. Alle reden von Wladimir Putin und den Russen von heute und – Bingo ! – hier kommen die Stories zu den kalten Russen von gestern.

Beschäftigt sich Spielberg in seinem Film „Bridge of Spies“ mit dem ersten Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke 1962, stellt uns Joseph Kanon in seinem Thriller „Leaving Berlin“ einen Mann vor, der zehn Jahre zuvor ein Kandidat für so einen Austausch hätte werden können: Alex Meier, deutscher Schriftsteller, jüdischer Exilant, vor den Nazis in die USA geflüchtet, dort von den Kommunistenjägern verfolgt, von seinem Sohn getrennt und nunmehr zur Bewährung in Ostberlin. Als Agent der CIA.

Sämtliche Konventionen des Spionagegenres

Es ist der Herbst 1948, in Berlin brummen die Transportflugzeuge pausenlos Richtung Tempelhof. Die Luftbrücke bietet gewissermaßen den Sound dieses Romans. Erst als die Propeller einmal still stehen müssen, weil Nebel über Stadt liegt, merken die Menschen, wie sehr sie sich an dieses Geräusch gewöhnt haben. „Die Flugzeuge flogen nicht mehr und ließen eine unheimliche Stille zurück.“ Alex Meier trifft sich in dieser nebligen Stille im Moabiter Spreebogen mit seinem amerikanischen Führungsoffizier, um ihm zu rapportieren, dass ihn nun auch die ostdeutsche Geheimpolizei K5, ein Vorläufer der Staatssicherheit, als Informanten geworben hat. So ein Leben als Doppelagent ist natürlich strapaziös. Zumal auch noch der KGB an ihm interessiert ist.

Joseph Kanon, Jahrgang 1946, geboren in Pennsylvania, kehrt mit seinem siebenten Buch auf vertrautes Terrain zurück. Schon einmal, in seinem Roman „Die Ruinen von Berlin“ (The Good German), hatte er sich die geteilte Stadt detailliert erschrieben. Die Geschichte um die Potsdamer Konferenz wurde 2006 mit George Clooney und Cate Blanchett verfilmt. Und auch diesmal sieht man den Film schon vor sich. Er muss gar nicht mehr gedreht werden. Das spart auch Geld.

Was diesen Roman, der geschickt und mitunter ein bisschen zu routiniert mit sämtlichen Konventionen des Spionagegenres spielt (zwielichtiger Auftraggeber, traurige Geliebte, interner Verräter) eine besondere Note verleiht, ist sein Personal. Kanon lässt ein wohlsortiertes Ensemble der Ostberliner Kulturelite jener Zeit auftreten: Walter Janka, Anna Seghers, Wolfgang Staudte, Ruth Berlau, Helene Weigel, Alexander Dymschitz, Kulturoffizier der Sowjets, sie alle sind mit von der Partie. Die pointierten Dialoge zwischen ihnen machen den Reiz aus, zumindest, wenn einem die Namen etwas sagen.

Bei Brecht dürfte das am ehesten der Fall sein, der ist immerhin Schulstoff und bekommt denn auch die prominentesten Szenen. Gleich im ersten Kapitel, das im Klub des Kulturbundes spielt, empfiehlt er dem Jungspion Alex, der ihn eigentlich ausforschen soll, nicht in die Partei einzutreten. „,Das Zusammenleben mit Helene kostet mich schon genug Disziplin‘, sagt er und fuchtelte dabei mit der Zigarette. Dann bist du nicht verpflichtet, zu tun, was sie sagen.“

Alex Meier hält sich an den Rat und eröffnet sein eigenes Spiel, das ihn auf die Spur des Urans führt, das die Wismut im erzgebirgischen Aue abbaut. Womit Kanon wieder ganz bei sich ist. Hatte er sich in seinem ersten Roman, „Die Tage von Los Alamos“ mit der amerikanischen Atombombe befasst, geht es jetzt um die Revanche.