Ein Mann, etwa dreißig Jahre alt, wacht mit totaler Amnesie in einer Klinik auf. Der Arzt namens Geiger sowie eine ihn rundum betreuende Schwester sprechen russisch mit ihm und benehmen sich übertrieben fürsorglich. Sie bleiben aber geheimnisvoll, was die Situation des Patienten angeht. Er soll sich seine Erinnerungen, sein Leben selbst zurückerobern. Der Arzt verrät ihm jedoch, wie er heißt, und erklärt, dass Innokenti Platonow nach langem Schlaf in Petersburg erwacht sei.

Jewgeni Wodolaskins Suche nach der verlorenen Zeit

Nach und nach kommen Erinnerungsfetzen, Mosaikstücke der Vergangenheit hoch: Namen von Menschen, Gefühle, Erfahrungen, Ereignisse. Geiger rät ihm, diese aufzuschreiben. So werden der Arzt und auch wir Zeuge von Innokentis Suche nach der verlorenen Zeit, denn die Tagebuchaufzeichnungen entsprechen dem Roman, der uns vorliegt, Jewgeni Wodolaskins „Luftgänger“.

Die erste Erinnerung hat Innokenti an seine Großmutter, die dem Kleinen „Robinson Crusoe“ vorliest. Ein Glücksgefühl, doch die Lektüre stimmt auch ein Motiv an, das den Verlauf des Romans wie eine traurige Melodie durchzieht: Einsamkeit und Verlorenheit. Eine weitere Insel, so rekonstruiert der Patient, hat sein Leben entscheidend beeinflusst, Erinnerungen an ein Lager, Erfahrungen von Verrat, Gewalt und Folter tauchen auf. Und Verluste: Sein Vater wurde von Matrosen erschlagen, der Vater seiner großen Liebe von der Polizei erschossen. Und Anastassija selbst, was ist aus ihr geworden?

Roter Terror und Computer

Das Merkwürdigste aber: Innokenti, so weiß er bald, wurde im Jahr 1900 geboren, hat die Schrecken des Roten Terrors miterlebt – im Krankenhaus aber gibt es Computer, und seine Tabletten tragen das Haltbarkeitsdatum 1999.

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jewgeni Wodolaskin, 1964 geboren, gilt schon seit Längerem als einer der interessantesten russischen  Autoren. Seit mehr als  dreißig Jahren arbeitet er in Petersburg am Puschkinhaus, dem Institut für Russische Literatur. Historische Fachbücher und drei Romane hat er veröffentlicht. Für sein Gesamtwerk erhält er nun den Solschenizyn-Preis, der von Alexander Solschenizyn ins Leben gerufen wurde und seit 1997 verliehen wird.

Ein Höhepunkt der russischen Literatur

Bereits in Wodolaskins letztem Roman „Laurus“, der in zwanzig Sprachen übersetzt wurde, reflektierte und erzählte er poetisch-philosophisch über das Wesen der Zeit. In der Geschichte eines von Schuld geplagten Heilers und späteren Mönchs, der durch das mittelalterliche Russland wandert und in die Zukunft sehen kann, setzte er die Vergangenheit raffiniert mit der Gegenwart in Verbindung. Ein Höhepunkt der russischen Literatur der letzten Jahre.

Ähnliches tut Wodolaskin auch im „Luftgänger“, denn Innokenti – so viel müssen wir verraten – ist das Opfer eines wissenschaftlichen Experiments: Als menschliche Laborratte wurde er Anfang der 30er-Jahre mit anderen Gefangenen der Bolschewisten in flüssigem Stickstoff eingefroren. Innokenti ist der einzige Überlebende, der nun, im postsowjetischen Chaos der Jelzin-Zeit, aufgetaut und als moderner Lazarus von den Toten zurückgekehrt ist.

Einsam wie Frankensteins Monster

Er versucht, sich mit der neuen Welt zu arrangieren, verdient sein eigenes Geld, lernt eine Frau kennen; trotz großer Anstrengungen und neuer Kontakte fühlt er sich dennoch fremd und einsam wie Frankensteins Monster. Der Blick des Fremden gibt Wodolaskin die Gelegenheit, die Schattenseiten der freiheitlich-konsumistischen Gesellschaft offenzulegen, ohne aber den kommunistischen Terror, der sich in Innokentis Erinnerungen immer wieder Bahn bricht, zu relativieren.

Ganz im Gegenteil: Da eine Vergangenheitsbewältigung in Russland nie stattgefunden hat und Putins aggressive Innen- und Außenpolitik Kontinuität verheißt, setzt der in der Heimat populäre Wodolaskin mit seinen Schilderungen totalitärer Willkür und Verbrechen ein Zeichen. Der Roman endet kurz vor der Machtübergabe Jelzins an Putin.

Ein unverhofftes Wiedersehen

Die Tagebuchform des Romans ermüdet mit der Zeit leider etwas; die ergänzenden Notate von Geiger und Anastassijas Nichte im zweiten Teil machen die Sache keineswegs besser. Der Höhepunkt des Romans ist aber prickelnd: Anders als sein Name vermuten lässt, ist das Gewaltopfer Innokenti selbst nicht frei von Schuld. Der Denunziant, der Anastassijas Vater einst der Polizei ausgeliefert hatte, wurde bald darauf ermordet aufgefunden. Die Liebe seines Lebens bekam Innokenti so nicht zurück, jetzt aber, siebzig Jahre später, gibt es ein „unverhofftes Wiedersehen“ zwischen junger und alter Liebe – eine russische Variation auf Johann Peter Hebels berühmte Erzählung gleichen Namens.