Eine vom Leben gelangweilte und von sich selbst abgestoßene Mittelschichtsmutter, die mit ihrer Rolle als Mutter ebenso unglücklich ist wie mit ihrer Rolle als Frau des Vaters des von ihr innerlich wie auch äußerlich abgelehnten anderthalbjährigen Kindes, beginnt eine Beziehung mit der von ihrem Mann zur Kompensation des mütterlichen Fürsorgemangels engagierten blonden Babysitterin, welche die beiden über ein durchkokstes und durchkopuliertes Wochenende in einem Münchner Luxushotel bis auf die Mittelschichtsinsel Mallorca führt und dort in einem halbwegs bizarren Gewaltexzess endet, bei dem jene dran glauben müssen, denen die beziehungs- und empathieunfähige Mutter ihre Verkorkst- und Verkokstheit verdankt: ihre geschiedenen Eltern.

So oder so ähnlich könnte man die Geschichte zusammenfassen, die die als Musikfernsehmoderatorin bekannt gewordene Charlotte Roche in ihrem neuen Roman „Mädchen für alles“ erzählt. Es handelt sich um ihr drittes literarisches Werk nach dem Debüt „Feuchtgebiete“ aus dem Jahr 2008, in dem sich eine wegen einer bei der Schamhaarrasur selbstzugezogenen Analverletzung im Krankenhaus liegende 18-jährige Tochter geschiedener Eltern in ihren Krankenpfleger verliebt, und dem Roman „Schoßgebete“ (2011), in dem eine mit einem geschiedenen Mann zusammenlebende 33-jährige Frau schildert, was sie sich beim Sex für Gedanken macht.

„Mädchen für alles“ variiert mithin zentrale Motive des bisherigen Roche’schen Schaffens, von Sex über Scheidung bis zum Gedankenmachen, und ergänzt diese mit der Behandlung einer gerade in den letzten Monaten in Feuilletons und Frauenfachmagazinen ausgiebig diskutierten Frage: Dürfen junge und andere Mütter ihre negativen Gefühle gegenüber den eigenen Kindern zugeben oder auch nur ihr Desinteresse an diesen? Von Roche wird diese Frage einerseits mit Ja beantwortet und andererseits mit Nein.

Denn einerseits lässt die Ich-erzählende Protagonistin des Romans keinen Zweifel daran, dass sie gegenüber ihrer Tochter nicht die geringsten Empfindungen hegt. Andererseits erscheint die Protagonistin durch ihren Egoismus, ihr geistiges Mittelmaß und ihr ödes selbstmitleidiges Gejammer als dermaßen doofe Person, dass man zwangsläufig geneigt ist, jeden Aspekt ihres Verhaltens verwerflich zu finden und mithin das Gegenteil als geboten zu erachten.

Es gibt hinreichend Gründe, das Buch zu verreißen. Aber ob das etwas bringt?

„Mädchen für alles“ ist sehr schlecht geschrieben, spannungsarm sowie in überaus ermüdender Weise mit Wiederholungen und Redundanzen gebläht und daher insgesamt quälend langweilig zu lesen. Obwohl es nur locker gesetzte 240 Seiten umfasst, habe ich ein ganzes Wochenende dafür gebraucht, weil mich nach wenigen Seiten stets das Gefühl einer großen Erschöpfung ereilte und ich entweder schlafen musste oder an die frische Luft. Es gäbe also hinreichend Gründe, das Buch zu verreißen. Aber ob das etwas bringt? Ich meine: nein. Zudem scheint die Sonne und ich habe sehr gute Laune. Darum möchte ich an dieser Stelle stattdessen versuchen, einen Punkt zu benennen, der mir bei „Mädchen für alles“ als repräsentativ für die deutschsprachige Popkultur der Gegenwart scheint.

Es handelt sich um die Entkopplung von sexueller Transgression und Emanzipation. Repräsentativ ist das Buch nicht nur darin, dass es den Typus der sexuell ausgehungerten und dadurch besonders experimentierfreudig gewordenen Mittelschichtsmutter von heute in den Fokus rückt. Sondern auch darin, dass es zeigt, dass die mittelschichtsmuttertypische Überschreitung heterosexueller Begehrensformen keinerlei emanzipatorisches Potenzial besitzt. Denn bevor Roches Ich-Erzählerin sich an die Babysitterin heranmacht, nennt sie als Grund für die Abneigung gegen ihren Gatten den wachsenden Verdacht, dass er in Wirklichkeit „schwul“ sei. Aber: na und? Wenn man das überkommene Konzept der ehelichen Treue ohnehin verworfen hat – worin liegt das Problem, wenn der Gatte auch einmal mit anderen Männern das Lager teilt?

Gerade wenn man sich als Frau für Analverkehr interessiert, könnten sich hieraus interessante Inspirationen ergeben. Stattdessen erscheint das lesbische Coming-out der Ich-Erzählerin wie eine Trotzreaktion auf den Ekel, der sie beim Gedanken an ihren Mann beim Vollzug homosexueller Praktiken ereilt. Und dass das, was aus Ekel geboren wird, schließlich in Lust umschlägt, führt auch nicht zur Reflexion oder gar Revision des Ekelgefühls. Letzteres wird vielmehr vom bewussten Erleben abgespalten und bleibt als unbewältigtes Trauma unter der sexuellen Neuerfindung bestehen.

Mir ist beim Lesen nicht klar geworden, ob Charlotte Roche diese sozio-erotische Dialektik bewusst inszeniert oder ob sie so reaktionär und verklemmt wie ihre Hauptfigur ist. In jedem Fall bietet ihr Buch ein gutes Bild des total gewordenen Biedermeiers, in dem wir uns heute befinden.