Die Menschen haben sich gewöhnt an Trauer, Angst und Wut, schreibt Anna Burns. Eine Straßenszene aus Nordirland 1972.
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BerlinBelfast, Ende der 70er-Jahre: „Mittelschwester“ ist 18, liest gern im Gehen, und zwar ausschließlich Romane des 19. Jahrhunderts. Sie wird von „Älteste Schwester“ – der „braven Hausfrau“ –, die längst nicht mehr im Elternhaus, sondern mit ihrer eigenen Familie lebt, selbstgerecht vor dem Umgang mit „Milchmann“ gewarnt. Auch zu „Schwester Zwei“ – depressiv, seit ihre wahre Liebe erschossen wurde – und „Schwester Drei“, die unentwegt mit ihren Freundinnen auf Sauf- und Vergnügungstour unterwegs ist, hat „Mittelschwester“ wenig innere Verbindung.

Der Roman „Milchmann“ von Anna Burns erzählt aus Perspektive einer 18-Jährigen vom Alltagsleben während der „troubles“, der bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Nordirland der 70er- und 80er-Jahre. Dass die Figuren nie mit Namen bezeichnet werden, sondern mit einer Art unpersönlicher „Positionsbestimmung“, ist nicht der einzige Aspekt des Buches, von dem man annehmen könnte, er mache es schwer zugänglich. Nimmt man den Umstand hinzu, dass es so gut wie keine Dialoge gibt, allenfalls kurze Wortwechsel, die in den monologischen Erzählstrom eingeflochten sind, könnte dies reichen für die Annahme, es handele sich um einen unattraktiven, schwer lesbaren Roman.

Buch

Anna Burns: Milchmann. Roman. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Tropen, Stuttgart 2020. 240 S., 25 Euro.

Aber wundersamerweise ist das genaue Gegenteil der Fall. Das Buch ist sprachlich und stilistisch brillant durch eine Art dem Erzählen einverleibte Analyse dieser traumatischen Zeit. Kongenial übersetzt von Anna-Nina Kroll, gelingt es Burns, die Unausweichlichkeit des Lebens in ererbter Feindseligkeit und verinnerlichtem Misstrauen in „Mittelschwesters“ gigantischem inneren Monolog zu erzählen. Nur scheinbar lakonisch, nur in der obersten Schicht voll grimmigem Humor, kommt die verzweiflungsvolle Geschichte ihres Verfolgtwerdens durch einen 41-jährigen, „Milchmann“ genannten, militanten Straßenkämpfer daher. Er taucht an den unwahrscheinlichsten Orten auf und zwingt sie in eine verschwörerische, von Drohungen unterfütterte Nähe.

Unentwegt sterben junge Leute, vor allem die jungen Männer, in manchen der vielköpfigen Familien ist kein Kind mehr übrig. Sie sterben, weil sie auf der jeweils falschen Seite stehen, weil der Todfeind oft auf der anderen Straßenseite wohnt, weil dies im Nordirland jener Zeit eine unentrinnbare Gesetzmäßigkeit zu sein scheint.

Wenn, so liest es sich im Erzählstrom der „Mittelschwester“, wenn also „eine ganze Gemeinschaft, nach Jahren des persönlichen und gemeinschaftlichen Leidens, persönlicher und gemeinschaftlicher Geschichte an Schwere, Trauer, Angst und Wut im Überfluss gewöhnt war – tja, solche Leute konnten sich nicht einfach so mir nichts, dir nichts irgendeinem dahergelaufenen hellstrahlenden Goldstück gegenüber öffnen, das in ihr Umfeld trat und sie anleuchtete. Dieses Umfeld leistete Widerstand, unterstützte den Pessimismus der Leute, und genau das geschah an meinem Heimatort, wo immer alles im Dunkeln zu liegen schien … Das alles schien normal, was wiederum bedeutete, dass Normalität bei uns unter anderem ein dauerhaftes Nicht-sehen-Können war, über das nicht gesprochen wurde“.

Anna Burns, Jahrgang 1962, wuchs als Kind einer großen katholischen Arbeiterfamilie im bürgerkriegsgeschüttelten Belfast auf. Die 18-jährige Heldin ihres Buches weiß genau, warum sie – zum Ärger ihrer Mutter – nicht unbedingt heiraten will, denn „wo sind die meisten dieser ach so tiefsinnigen entschlossenen, unbeugsamen Ehemänner? Allesamt unter der Erde, bei den anderen Freiheitskämpfern, am üblichen Treffpunkt“.

Wahrhaft hoffnungslos wird „Mittelschwesters“ Lage aber erst durch den Umstand, dass auch innerhalb der Familien selbst keineswegs ein Lebensgefühl von Schutz und Solidarität besteht. Anna Burns’ Roman erzählt vielmehr davon, wie das Leben im „chronifizierten“ Kampfmodus den Einzelnen zerbröselt und zerrüttet; wie Wahnsinn und absurde Feindseligkeit auch die Familienmitglieder untereinander entfremden, kurz: „Mittelschwester“ hat buchstäblich niemandem, dem sie sich anvertrauen könnte, und als sie es tut, wird ihr auch von der eigenen Mutter nicht geglaubt.

„Was ich erzähle, gilt vermutlich nicht nur für das damalige Belfast, sondern für jede totalitäre, in sich geschlossene, unter extremen Unterdrückungsverhältnissen lebende Gesellschaft“, sagte Anna Burns in einem Interview. Es ist atemberaubend, wie sie über die Ausgesetztheit eines jungen Mädchens eine psychisch zutiefst vergiftete politisch-gesellschaftliche Realität zu porträtieren versteht.