Picquart (Jean Dujardin) und Dreyfus (Louis Garrel)
Foto: Guy Ferrandis WELTKINO

Berlin - Noch der Akt größter Demütigung wird von der Pariser Militärclique als Spektakel im honorigen Gewand zelebriert.  Ein Karree von Uniformträgern ist angetreten, als dem jüdischen Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus am 5. Januar 1895 die Epauletten von den Schultern gerissen werden. Die Erniedrigung des angeblichen Spions findet im Zerbrechen seines Säbels den zeremoniellen Höhepunkt.

Dreyfus, im Moment größter Pein selbst um einen ehrenhaften Abgang bemüht, kann nur schwer die Fassung wahren. Mit einem letzten Wort wendet er sich an die Strammstehenden: „Soldaten, ihr degradiert einen Unschuldigen.“

Verhältnis zwischen Künstler und Werk

Roman Polanski eröffnet sein Historiendrama „Intrige“ mit einer Szene, in der sich eine öffentliche Person gegen die gesellschaftliche Herabwürdigung wehrt. Und da sein Film im Original „J’accuse …!“ (Ich klage an …!) heißt, gab es nicht wenige, die bei Polanski einen Beitrag in eigener Sache sehen wollten. Das ist es auch! Allerdings auf andere Weise, als man  vermuten könnte.

Offizieller Trailer zu Roman Polanskis neuem Film „Intrige“.

Video: YouTube

Wenn sich der 86-jährige Regisseur hier mit Fragen von Entehrung und Rehabilitierung beschäftigt, reflektiert er nicht etwa die Vergewaltigungsvorwürfe, die ihn dauerhaft seine soziale Reputation gekostet haben. Als „Intrige“ beim Festival in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, flammte einmal mehr die Grundsatzdebatte um eine gebührende Bewertung des Verhältnisses zwischen Künstler und Werk auf. Kann man – bei aller artistischen Meisterschaft – einen Film von Roman Polanski auch in seiner moralischen Integrität beglaubigen? Absolut, wie dieses hochkonzentrierte Alterswerk beweist.

Es gibt noch eine Schlüsselszene in diesem Film. Bei pogromartigen Exzessen während des Dreyfus-Prozesses zerklirren in Paris die Fensterscheiben. Der Mob schmiert „Tod den Juden“ an die Geschäfte. Roman Polanski, dem seine Kindheit im Ghetto von Krakau geraubt wurde, besitzt jede Autorität, sich mit seiner Persönlichkeit als Filmemacher dem wachsenden Antisemitismus nicht nur in Frankreich entgegenzustellen.  

„Ich mag keine Juden“

Der Titel „J’accuse …!“ bezieht sich auf jenen offenen Brief an den Präsidenten der Republik, mit dem der Schriftsteller Émile Zola 1898 in der Zeitung L’ Aurore den Skandal um Alfred Dreyfus publik machte. Ein Aufsatz, der Geschichte schrieb und seinen Autor selbst ins Gefängnis brachte. Ein halbes Dutzend Mal ist die Dreyfus-Affäre schon verfilmt worden, es gibt Romane, Biografien, Sachbücher, und doch dürfte dieses Kapitel der europäischen Historie, das Frankreich beinahe in einen Bürgerkrieg getrieben hat, in seinen Details den wenigsten vertraut sein.

Polanski gelingt es nun, gerade die Details auf spannende Weise zu erzählen, obwohl man ja weiß (oder googeln kann), wie das ausging. Am Ende wird Dreyfus rehabilitiert. Das ist nicht zu viel verraten.

Der Regisseur schrieb das Drehbuch gemeinsam mit dem britischen Thriller-Autor Robert Harris, der ihm vor zehn Jahren schon bei „Ghostwriter“ die Vorlage geliefert hatte. Da sich die Arbeit an dem Film länger hinzog, veröffentlichte Harris „Intrige“ zunächst als Roman, bevor er sich wieder dem Film widmete. Der entscheidende dramaturgische Kniff verdankt sich Harris’ Idee, nicht Dreyfus selbst in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, sondern jenen Major Marie-Georges Picquart, der kurz nach der Verbannung des vermeintlichen Verräters in Paris die Leitung der Spionageabwehr übernimmt. Er kannte Dreyfus. Bei einer Begegnung in den Gängen des Gerichts sagt er, was er von ihm hält: „Ich mag keine Juden.“

Wie eine Gesellschaft zerreißt

Dieser Picquart, vom Oscarpreisträger Jean Dujardin („The Artist“) als ebenso kompromiss- wie humorloser Offizier gespielt, kommt nach und nach den Ungereimtheiten im Fall Dreyfus auf die Spur. Er mag was gegen Juden haben – noch mehr hat er gegen die Manipulation von Beweisen.

Als seine Vorgesetzten ihm befehlen, die Nachforschungen einzustellen, macht er auf eigene Faust weiter und wird, da er seine Erkenntnisse nach draußen gibt, peu á peu zu einem frühen Whistleblower im Überwachungssystem. Der Apparat, dem er dient, wendet sich gegen ihn. Polanski widmet sich der immer besesseneren Recherche des Majors mit enormer Akkuratesse und kammerspielartiger Präzision.

Es wird in dem Film viel geredet, debattiert, polemisiert, schwadroniert, und das fast ausschließlich von blasierten Uniformträgern. Selbst Dreyfus (Louis Garrel) gibt kein sympathisches Opfer ab, sondern einen Mann mit einem (in seinem Fall verständlichen) Hang zur Selbstgerechtigkeit. Indem Polanski nicht um das Mitgefühl des Publikums buhlt, sondern den Komplott in seiner kalten, methodischen Perfidie seziert, ist er ganz gegenwärtig. Sein Film zeigt, mit welcher Wucht ein Ressentiment die Gesellschaft zerreißen kann.

Intrige Frankreich, Italien 2019. Regie: Roman Polanski; Kamera: Pawel Edelman. Darsteller: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seignier u.a., 135 Min., Farbe. FSK: ab 12. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.