Berlin - Krass. Wer hätte gedacht, dass ein derartig schonungsloses Porträt eines alten weißen heterosexuellen Mannes zur titelgebenden Romangestalt bei Martin Mosebach werden würde? Ausgerechnet bei Martin Mosebach, dem „sanften Reaktionär“, wie ihn der Kulturjournalist Jens Jessen in seiner Laudatio für den Büchner-Preis 2007 betitelte. Roman um Roman wälze Mosebach, so der Laudator einst, „als Felsklotz dem Fortschritt in den Weg“. Die Kollegin Sigrid Löffler kritisierte die Entscheidung für den Preisträger heftig: Mosebach sei ein Poseur, der sprachliche Hochstapelei betreibe, sagte sie einst dem Deutschlandfunk – verschmockt, verzopft, verplüscht, verkitscht. „Krass“ ist sein zwölfter Roman. Dazu kommen Erzählungen, Stücke, Gedichte, Essays, Libretti und Redigate. So erhielt sein Freund Asfa-Wossen Asserate 2004 für das von Mosebach redigierte Buch „Manieren“ den Adelbert-von-Chamisso-Preis, der an Autoren vergeben wird, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Wurde auch drüber gestritten.

Ralph Krass ist Geschäftsmann, er versorgt Diktatoren auf illegalen Wegen mit Waffen, ist unerschöpflich reich, hält sich im ersten und längsten Teil des Über-500-Seiten-Romans Ende der 1980er-Jahre mit seinem Hofstaat in Neapel und Umgebung auf. Vis-à-vis mit dem Vulkan, dessen Silhouette, vom Schreibtisch in der Hotelsuite aus betrachtet, ihm wenig subtil als „ein angemessenes Gegenüber“ erscheint. Die Entourage genießt erlesenste Annehmlichkeiten, mit deliziösem Vokabular vom Autor serviert: Schmucke Kellner tragen funkelnde Dolden aus Weißweingläsern herbei, Sonne fällt auf Tischtücher, Speisen werden gereicht. Man greift beim Lesen nach einer gestärkten Stoffserviette, um sich die Mundwinkel abzutupfen. Ein kulinarisches Vergnügen.

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