Beröom - „Der Leser liest ein Buch. Wenn das Buch gut ist, vergisst er sich selbst. Das ist die einzige Aufgabe eines Buches. Wenn der Leser sich selbst nicht vergessen kann und während des Lesens dauernd an den Autor denken muss, ist das Buch misslungen. Mit Vergnügen hat das nichts zu tun.“ Eine schlüssige Argumentation. Was aber, wenn der Leser trotz allem dauernd an den Autor denken muss? Ist das Buch dann auch misslungen?

Im Fall von Herman Kochs neuem Roman „Sehr geehrter Herr M.“ trifft das nicht zu. Legt es Koch doch gerade darauf an. So sind es gleich zwei Autoren, die im Mittelpunkt seiner intelligent konstruierten Geschichte stehen: ein alternder Schriftsteller, der seine besten Zeiten hinter sich hat, und ein, zunächst anonymer, Briefeschreiber, der eine Rechnung mit dem Romancier offen zu haben scheint. Beide tragen, nicht ohne den Grund, den selben Vornamen: Herman. Und, man ahnt es, sie vereint eine gemeinsame Geschichte.

Das mysteriöse Verschwinden von Jan Landzaat

Der Schriftsteller Herman M. hat gerade sein neues Buch herausgebracht, doch ist sein Stern schon länger gesunken. Seinen größten Erfolg feierte er vor vielen Jahren mit seinem Buch „Abrechnung“. Ein Thriller über das mysteriöse Verschwinden des Geschichtslehrers Jan Landzaat. Dieser hatte sich zu einer Affäre mit einer Schülerin hinreißen lassen. Und so fällt der Verdacht schnell auf die Gymnasiastin und ihren neuen Freund. Sie hatten den Lehrer vor seinem Verschwinden zuletzt gesehen - in einem Ferienhaus im Süden Hollands. Eine wahre Begebenheit. Der Fall hatte in Holland für Schlagzeilen gesorgt, konnte er doch nie gelöst werden. Und plötzlich, Jahre später, erhält der Schriftsteller Post von einem Leser. Der Ton klingt drohend. Der Absender habe wichtige Informationen für M.

Dreimal Herman

Eine komplexe Handlung, die viele Fragen aufkommen lässt. Was ist damals in dem Ferienhaus wirklich passiert, wer spielt in dem Konstrukt welche Rolle und vor allem: Was hat der Briefeschreiber damit zu tun, was führt er im Schilde? Fragen wie diese bohren sich bei der Lektüre des knapp 400 Seiten starken Wälzers Seite für Seite tiefer ins Bewusstsein des Lesers. Spannend wie einen Thriller - so kündigt es der Klappentext an - liest sich der Roman zwar nicht, dennoch legt Koch seine Fährten geschickt, um den Leser bei Laune zu halten: über Unterbrechungen an genau den Stellen, wo man unbedingt wissen will, wie es weitergeht, und die vielen miteinander verwobenen Ebenen der Geschichte, die Koch über Perspektivwechsel voneinander abgrenzt.

Dass die beiden Hauptfiguren auch noch denselben Vornamen tragen, könnte nun den Anschein erwecken, die Sache zu verkomplizieren. Das tut es aber nicht. Denn Koch versteht es, den Leser durch geschickt platzierte, auf den Punkt gebrachte Wiederholungen wieder zum Kern der Geschichte finden zu lassen. Und sich selbst zu vergessen.