In unseren Corona-Zeiten werden die Zahlen der Toten täglich aktualisiert und diskutiert, die Folgen des Virus mit anderen Lebensgefahren verglichen, beklagt, zum Argument gemacht. Gleichzeitig heißt es, der Tod habe in unserer Gesellschaft keinen Platz. Wer über diesen Widerspruch nachdenken möchte, sollte Zsuzsa Bánks neuestes Buch lesen, es kreist ums Sterben, allerdings nicht um die Pandemie.

Sie erzählt eine sehr persönliche Geschichte: Ihr Vater stirbt mit 85 Jahren an Krebs. Das ist nichts Besonderes, das sagt Bánk selbst: „Wir werden geboren und sterben, wir verlieren jemanden ans Sterben, und eines Tages verliert uns jemand ans Sterben. Warum mache ich es zu etwas Herausragendem?“

Noch einmal schwimmen

Ihre Erzählung beginnt mit einer Reise an den Balaton, wo der Vater noch einmal schwimmen, noch einmal unter Akazien sitzen, sich von seiner Heimat verabschieden will. Aber er bekommt schon am ersten Tag Fieber, die Krankheit meldet sich. Auf die hastige Abreise folgen eine Operation, mehrere Krankenhausstationen und schließlich sein Tod.

Bánk beschreibt in kurzen Abschnitten, wie sie endlose Stunden in Kliniken erlebt, wie sie ihrem todkranken Vater begegnet, mit ihm spricht, an seinem Bett sitzt, wie sie mit Verwandten telefoniert, sich mit Formalitäten und Entscheidungen abmüht. Später geht es um Begräbnis, Trauer und den Versuch, den Verlust zu realisieren, zu verkraften, zu akzeptieren.

In die Passagen über Krankheit und Sterben flechten Rückblicke die Umrisse seines Lebens. Als Sohn eines Bahnhofsvorstehers in Provinzbahnhöfen aufgewachsen, floh er nach dem Ungarnaufstand 1956 in die BRD. Ein harter Schnitt, danach lebte er in und zwischen zwei Sprachen, Kulturen, war ein freundlicher Ehemann, Vater, Großvater. Mit seinem Tod verlieren die Generationen nach ihm, auch darum geht es Bánk, die Verbindung zum Land ihrer Vorfahren. Sie lotet aus, was das heißt und was dagegen helfen könnte, versucht, neue Brücken zu bauen, etwa indem sie ein kompliziertes ungarisches Buttercremetortenrezept erlernt. Es ist eine der wenigen fast lustigen Stellen in diesem trauernden Buch.

Wie immer schenkt sie den Landschaften und der Natur große Aufmerksamkeit: Die Farben des Himmels, die unter der Hitze ächzenden Bäume, Felder und Grünflächen in Ungarn und Deutschland werden genau beschrieben. Der Vater stirbt im viel zu heißen, viel zu trockenen, nicht enden wollenden Sommers des Jahres 2018. Wichtig sind auch der Balaton und das ausgedehnte, „gute“ Schwimmen in ihm, für das es im Ungarischen, so Bánk, einen eigenen Ausdruck gibt: „jó úzsas“. Sie setzte der Liebe zum Wasser schon in „Der Schwimmer“, mit dem ihre Karriere begann, ein Denkmal, nun wird der See zum Trost, zur Sehnsucht und vielleicht auch zur Verheißung.

Der Alltag wird zerstört

Alltägliches interessiert Bánk auch in ihren anderen Büchern, hier bekommt es besonderes Gewicht, denn der Alltag eines Menschen wird mit seinem Tod ja zerstört. Hinterbliebene kündigen Abonnements und Versicherungen, sortieren Fotos, Zettel, alte Briefe: „Weihnachtspost, Osterpost, Geburtstagspost, Festtags- und Alltagspost, Glückspost, Liebespost, Trauerpost, alles, was ihn an andere gebunden hat, was sie einander schreiben, sagen, zeigen und mitteilen wollten, ihre Nähe, ihre Zuneigung dokumentiert und bewiesen in Schrift und Bild.“

Vor allem geht es aber um Gefühle angesichts des Todes, um Angst, Verdrängen, Trotz, Verstörung. Auf ungefähr 240 Seiten wird geklagt, gehadert, viel geweint. Es wirkt wie eine offensive Hinwendung zum Schmerz. Bánk beschreibt Tränen am Krankenbett, beim Begräbnis und auf dem Friedhof, erzählt von Gottesdiensten, aufgestellten Kerzen und Fotos, Erinnerungen und Gedenkfeiern. Womit sie sich sonst beschäftigt in diesen Monaten erzählt sie höchstens am Rand. Man kann bei all dem zu bedenken geben, dass der Tod nach einem 85 Jahre währenden Leben, umgeben von seiner liebenden Familie nicht der schlimmste Abschied ist. Natürlich weiß Bánk es selbst, sie spricht an, dass Menschen auch jünger sterben, dass Eltern Kinder verlieren.

Es zählt, dass wir es erleben

Aber ihr Buch nimmt kein Ranking vor, sondern widmet sich der je individuellen Wahrnehmung einer Ausnahmesituation: „Es zählt, dass wir es erleben. Nur wir erleben es so, nur wir erleben es auf unsere Art.“   Und sie schildert Szenen und Momente, die viele wiedererkennen werden: die Hilflosigkeit angesichts einer fatalen Diagnose, das Klammern an Hoffnungen, die Zumutung letzter Entscheidungen (noch eine Chemo oder Hospiz?), die Gefühle vor Kleiderschränken Verstorbener. Sie umkreist und beklagt die Unerbittlichkeit jedes Todes und den oft verstörenden Weg dorthin: „… alle wissen, jedes Ende ist grausam“.

Es ereignet sich tagtäglich, in Wohnungen und Pflegeeinrichtungen, vor Röntgenbildern, auf Intensivstationen. Egal wie hoch oder niedrig die Sterberaten sind, egal unter welchen Bedingungen: Jedes einzelne Lebensende hat existenzielle Wucht und bietet Stoff für ganze Romane. Im Kern ist es das, was Zsusza Bánk uns vor Augen führt. Alle wissen es, aber es wird nicht nur in Zeiten wie diesen so schnell es geht wieder verdrängt.

Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 238 S., 22 Euro.