Anna Seghers spricht 1948 auf einem Weltkongress zur Friedensverteidigung.
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BerlinDas Jubiläum ist nicht rund, aber vielleicht wird dies das Jahr der Wiederentdeckung von Anna Seghers. Vielleicht wird nun genauer das Werk der im November vor 120 Jahren geborenen Autorin betrachtet, wird sie weniger als die Frau gesehen, die in der DDR-Kulturpolitik zu viel schweigende Zustimmung erkennen ließ. Gerade ist eine hochinteressante Schilderung von Seghers’ Exiljahren in Mexiko erschienen, verfasst von der langjährigen Leiterin des Anna-Seghers-Museums in Berlin, Monika Melchert. „Im Schutz von Adler und Schlange“ heißt das Buch nach dem Wappen des mittelamerikanischen Landes, das der Kommunistin Zuflucht bot. In Mexiko und in den USA kam die Erstausgabe ihres Romans „Das siebte Kreuz“ heraus. Er wurde ein Weltbestseller.

Bereits im Exil in Frankreich und auf der beschwerlichen Reise arbeitete Anna Seghers an einem anderen Buch: „Transit“. Der Roman erzählt in fiebriger, flirrender Sprache vom endlosen Warten auf Pässe, von enttäuschten Hoffnungen auf  Visa vor den Botschaften. Er filtert die Ängste der Tausenden aus Deutschland Vertriebenen um Freunde und Verwandte so, dass sie den Leser direkt betreffen. Dass Anna Seghers’ Roman mit diesem Thema und in seiner ästhetischen Konzeption  ideal in unsere Zeit passt, hat der Regisseur Christian Petzold erkannt, als er ihn verfilmte und vor zwei Jahren auf der Berlinale vorstellte. Am Donnerstag spricht er mit dem Autor und Schauspieler Matthias Brandt darüber im Schirrhof in der Schiffbauergasse zu Potsdam.

Der Abend gehört zum Festival Lit:Potsdam, einem der ganz wenigen großen Literaturereignisse in diesem Jahr, die live und mit Publikum stattfinden können. Natürlich werden in diesen Tagen auch neue Bücher vorgestellt, Ursula Poznanski macht mit ihrer Fortsetzung des Jugendbuchs „Erebos“ vertraut, die Schriftsteller Ingo Schulze und Durs Grünbein treten in einen Dialog und Matthias Brandt liest am Sonnabend aus seinem eigenen Roman „Blackbird“. Doch dass Matthias Brandt, Writer in Residence dieses Festivals, sich „Transit“ ausgesucht hat, um daraus zu zitieren und darüber zu reden, ist ein deutliches Zeichen in die Gegenwart.

Anna Seghers war auf der Höhe ihrer Kunst, als sie diesen Roman schrieb, mit der eigenen Heimatlosigkeit vor Augen. Zurück im kalten Deutschland, in dem sich schnell wieder die Fronten verhärteten, waren ihre besten Erzählungen jene, mit denen sie sich nach Mexiko träumte. Ende September übrigens erscheint ein weiteres Buch über Seghers’ Jahre in Lateinamerika.