Kirchturm der Dorfkirche von Altgraun im Reschensee, Italien.
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BerlinEin Kirchturm, der aus einem See ragt, was für ein Bild. Wer wollte nicht wissen, was es damit auf sich hat, was für eine Geschichte sich damit verbindet. Der 41 Jahre alte, mehrfach preisgekrönte Mailänder Schriftsteller Marco Balzano hat den Turm bei einem Besuch im Vinschgauer Tal vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen. Im Nachwort zu seinem Buch beschreibt er die Reisebusse auf dem Parkplatz, den Steg, auf dem man sich mit dem Kirchturm im Hintergrund fotografieren lassen kann, die Menschen, die dort Schlange stehen. Der halb versunkene Turm ist zum touristischen Anziehungspunkt und Wahrzeichen dieser Südtiroler Region geworden, die an Österreich und die Schweiz grenzt. Dabei muss man ihn als Symbol für etwas ganz anderes verstehen: Er ist ein Vertriebenen-Denkmal, mahnt an grausame Geschichte. Diese erzählt Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“.

Der Autor hat die Geschichte der Zwangsitalienisierung Südtirols unter Mussolini genau studiert. Und am Beispiel einer Deutschlehrerin lässt sie sich gut erzählen. Trina bekommt keine Stelle an einer Schule. „Um uns bloß nicht nehmen zu müssen, stellten sie lieber halbe Analphabeten aus Sizilien ein.“ An vielen Beispielen lässt er sie schildern und erfahren, dass Kontrolle immer auch Kontrolle über Sprache bedeutet, dass Sprache Identität ist. Mit dem Diktatoren oft eigenen, grausamen Sinn für Details, schreckte Mussolini dabei nicht einmal vor den deutschen Namen auf Grabsteinen zurück, wie Balzano schreibt. Er wollte selbst die Toten zu Italienern machen. Die Kapitel über diese Zeit zählen zu den beklemmendsten, den stärksten im Buch.

Im Mittelpunkt steht also Trina, eine junge Frau, die gerade ihr Diplom als Deutschlehrerin gemacht hat, die erste Studierte in der Familie, sie leben in dem Dorf Graun. Der Vater ist Zimmermann, baut Möbel. Ein wenig Vieh haben sie auch, wie eigentlich alle hier. Aber so abgelegen kann kein Dorf, so schlicht kein Leben sein, dass es ihm gelingt, sich unter der Geschichte wegzuducken. „Mussolini hatte extra mein Examen abgewartet, um die Schule umzukrempeln“, denkt Trina. Es ist ihre Perspektive, aus der Balzano erzählt. Er tut es mit einfachen Worten und Sätzen. Manchmal wirken die Dialoge ein wenig gestelzt.

Trina arbeitet unter großer Gefahr in einer der Katakombenschulen, in Kellern und Scheunen wird auf Deutsch unterrichtet. Eine Freundin wird erwischt und kommt in die Verbannung nach Süditalien. Trina heiratet Erich, doch das Glück hat keinen Platz in ihrem Leben. Es kommt neue Bedrängnis.

1939 unterzeichneten Hitler und Mussolini einen Vertrag, der eine sogenannte Option enthielt. Die deutschsprachigen Südtiroler sollten „heim ins Reich“ kommen können. Ein fremdes Reich war das, sie kannten es ja gar nicht. Balzano findet ein starkes Bild für die „Optanten“, wie sie die nannten, die Hitlers Ruf folgten: Er beschreibt einfach nur den Duft, der am letzten Abend aus ihren Häusern dringt, wenn sie das letzte reichhaltige Mahl aus Speck, Polenta, Fleisch zubereiten, all dem, was sie nicht auch noch mitnehmen können. Es ist ein köstlicher Duft, und man spürt doch, dass diese Mahlzeit bitter ist, dass es schwer fällt, die guten Bissen zu schlucken. Die Dörfer, sogar Familien, spalten sich in die, die gehen, und die Dableiber, die schräg angeguckt und sogar schikaniert werden, auch Graun. „Ich bleibe hier“, sagt Trina.

Unheilvoll geht es weiter. Die Nazis kommen nach Südtirol, Erich wird Soldat, Mussolini fängt an, bei Graun einen Staudamm zu bauen, die Dörfler fürchten, ihr Dorf müsse weichen. Der Krieg bringt die Arbeiten zum Halten, die Grauner schöpfen Hoffnung, aber auch nach dem Krieg geht es weiter. Erich leistet Widerstand, andere schließen sich ihm an. Wieder heißt es: „Ich bleibe hier.“ Wie die Geschichte ausgeht, darauf verweist das Bild auf dem Buchumschlag. Sie planen den Wasserpegel höher als das Dorf.

Balzanos Buch ist trotz der bedrückenden Geschichte, von der es handelt, ein Unterhaltungsroman in gutem Sinn. Es wundert einen nicht, dass der Autor damit für den wichtigen italienischen Literaturpreis Premio Strega, nominiert war. Er handelt vom Verlust der Heimat als einem Ort, an dem die Erinnerung an das eigene Leben zu Hause ist.

In einem gutem Sinn belehrt Balzano die Leser. Man wird nie wieder in das idyllische Südtirol fahren können, ohne angesichts der zweisprachigen Ortsschilder und der Menschen, die mühelos zwischen Italienisch und Deutsch wechseln können, an die schmerzhafte Geschichte zu denken, die noch lange nicht vergangen ist.




Das Buch

Marco Balzano:
Ich bleibe hier.
Roman.
Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes, Zürich, 2020.
280 S., 22 Euro