Roman von Gary Shteyngart: Good Bye Lenin, hallo Trübsal in „Kleiner Versager“

Köln - Die kleine Rotznase, so nennt ihn der Vater mit grausamer Zärtlichkeit, will Schriftsteller werden. Igor ist klein, schwächlich und asthmatisch. Er liebt Nils Holgersson, Lenin und Käse.

Entscheidende Einflüsse, die auch das Erstlingswerk des fünfjährigen Autors prägen: „Lenin i ego wolschebni gus“, „Lenin und seine magische Gans“, in dem der Sowjetführer, den der kleine Igor nur als riesige Statue am Moskauer Platz kennt, von seinem Sockel steigt, um auf dem Rücken einer gigantischen Gans in Finnland einzufallen und dessen Einwohner aus luftiger Höhe mit „unserem dicken Sowjetkäse“ zu bombardieren. Die Großmutter belohnt den Debütanten. Für jede fertige Seite bekommt er selbst ein Stück Käse, für jedes abgeschlossene Kapitel eine Käsestulle.

Der Tauschhandel „Waren gegen Wörter“ begleite ihn bis heute, schreibt der erwachsene Igor, der heute Gary Shteyngart heißt und tatsächlich ein sehr erfolgreicher Autor ist, der sich für seine ätzenden, selbstironischen und doch herzergreifenden Romane, spätestens aber nach seinem Welterfolg mit „Super Sad True Love Story“, sicher einige Käsestücke kaufen kann. Nun hat Shteyngart seine Memoiren verfasst, obwohl er gerade mal die 40 überschritten hat. Obwohl doch schon die Protagonisten seiner Romane kaum verhüllte Shteyngart-Avatare waren. Ob dem Autor der Stoff ausgegangen oder der Erfolg zu Kopf gestiegen ist? „Weißt du, was dein Problem ist, Gary?“, schnauzt ihn Louise Lasser an, Woody Allens zweite Ehefrau, bei der er Schauspielunterricht nimmt, „Du bist unecht und manipulativ!“

Das muss er auch sein, weil er geliebt werden will, von seinen Eltern, von den Frauen, von seinen Lesern, von Amerika.

Außenseiter unter Außenseitern

Als der kleine Igor sieben Jahre alt ist, verlässt er das graue Leningrad mit seinen Eltern auf dem Luftweg, ohne Käsebomben im Gepäck – und landet schließlich mitten unter den vormaligen Klassenfeinden im kunterbunten Queens. Die Sowjetunion braucht Weizen, „um die Massen zu ernähren oder volltrunken zu halten“, Jimmy Carter tauscht ihn gegen Juden, die Amerika braucht, „damit es läuft“.

Der asthmatische Igor macht Bekanntschaft mit einem Wunderding namens Inhalator, ansonsten aber läuft nun erstmal gar nichts mehr für ihn, erst ist ein Fisch auf dem Trockenen.

Er ist der Außenseiter unter Außenseitern, da hilft es auch nichts, dass er jetzt wie Gary Cooper heißt und nicht mehr wie Dr. Franksteins Handlanger. „Shitfart“ verstümmelt das Mädchen an der Hotelrezeption seinen Nachnamen und fragt ihn, ob ihm ein Einzelbett genügt? „Glaubst du vielleicht, jemand möchte sich zu einem Shitfart ins Bett legen“, möchte Gary antworten.

Mutter nennt ihn „kleiner Versager"

Er passt einfach nicht dazu. Nicht zur wundersamen Warenwelt der USA, nicht zur jüdischen Gemeinde, nicht zu den anderen russischen Emigranten, ja selbst in seiner Kleinfamilie sticht er ungut heraus. „Kleiner Versager“, nennt ihn die Mutter und so hat Shteyngart auch seine Memoiren genannt. Das ist keine falsche Bescheidenheit: Der Autor richtet das Wort gegen sich selbst und zieht sich so am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Wehleidigkeit. Erst als sich im letzten Viertel endlich die ersten Freundinnen und die schriftstellerischen Erfolge einstellen, verliert der „Versager“ etwas an Fahrt. Im Roman können die Dinge eben viel gründlicher schiefgehen.

Im richtigen Leben rettet ein väterlicher Freund den jungen Autor vor sich selbst. Und schon ist man wieder beim unausgesprochenen Thema des Buches: Dem Verhältnis Shteyngarts zu seinen Eltern. Die ihren einzigen Jungen lieben, aber auch misshandeln und verspotten. Die von ihrem Sohn geliebt werden, aber auch ein bisschen verachtet. Und natürlich ist man sich gegenseitig peinlich. Wer sieht schon gerne Vater und Mutter dabei zu, wie sie im Raststätten-McDonald’s die mitgebrachten gekochten Eier und Rote Beete auspacken und sich bei den kostenlosen Servietten bedienen? Und natürlich lesen die Eltern die Bücher ihres Sohnes lieber erst gar nicht, tragen ihm stattdessen deren Verrisse vor, die sie im Internet gefunden haben.

Shteyngarts Familiengeschichte umfasst Weltkriege, Revolutionen, den Holocaust, den Kalten Krieg und genug kulturelle Missverständnisse, um 20 Stand-up-Comediens für 30 Jahre in Lohn und Brot zu halten.

Doch im Grunde handelt „Kleiner Versager“ von den Irrwegen, die die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern zwangsläufig nehmen muss. Und die Reise, die die Familie Shteyngart schließlich in ihre alte Heimat unternimmt, ins heutige St. Petersburg, ist wohl das Anrührendste, was der Autor jemals geschrieben hat. Aus der kleinen Rotznase ist endlich ein großer Sohn geworden.