Der Schriftsteller Lafcadio Hearn und seine Frau Koizumi Setsu. Sie ist die Mutter seiner Kinder, die sie im Buch die „süßesten Früchte“ nennt.
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BerlinDie eine nennt ihn Patricio, die andere nutzt die Kurzform Pat, eine dritte schreibt von Yakumo. Im Roman „Sweetest Fruits“ von Monique Truong ergibt sich aus den Erzählungen dreier Frauen das Leben des Schriftstellers Lafcadio Hearn, das von 1850 bis 1904 währte. Die ungewöhnliche Form der literarischen Biografie steht auf der Höhe der Debatten der Gegenwart. Denn Monique Truong zeigt auf anregende Weise den Anteil von Frauen an einer Erfolgsgeschichte eines Mannes.

Patricio nannte ihn seine griechische Mutter, gab ihm aber noch den Namen Lafcadio dazu, der die Herkunft von der Insel Lefkas bezeichnen sollte. Der Vater hatte Patrick ausgewählt – „mit diesem Namen wird er ein guter irischer Bursche“. Er war damals als Militärarzt in Griechenland stationiert, später folgten ihm Mutter und Kind nach Dublin. Ihr Leben mit Charles, erzählt sie im Roman, verlief meist ohne ihn, „weil die britische Armee seine eigentliche Gefährtin war“.

Einer kinderlosen Tante war der Sohn als Erbe willkommen, die nur schlecht Englisch sprechende Frau bekam bald Geld für die Rückfahrt nach Griechenland. Während dieser, das ist der Kunstgriff Truongs im ersten Abschnitt des Romans, diktiert Lafcadios Mutter einer Reisegefährtin ihre Erlebnisse, damit ihr Sohn eines Tages über seine Herkunft Bescheid wisse. Als Erzählzeit ist das Jahr 1854 angegeben.

Wieder als  Monolog , allerdings in anderer Tonlage, ist der zweite Teil des Buchs gehalten: 50 Jahre später blickt Lafcadio Hearns erste Ehefrau auf das Leben mit ihm in Cincinnati zurück. Noch als Sklavin auf einer Plantage geboren, lernte sie ihn kennen, als sie in einer Pension Putz- und Küchenhilfe war. „Sein Herz war damals noch nicht erwachsen“, erzählt sie, berichtet dann von seiner Schüchternheit und auch seinem Bedürfnis, sich ihr schriftlich mitzuteilen: Da sie nie lesen gelernt hat, zeichnete Pat Bildchen für sie. Über die Arbeit in einer Druckerei gelang es ihm, sich auch als Zeitungsschreiber zu empfehlen – bis die Redaktion herausfand, dass er mit einer Farbigen zusammenlebte.

Monique Truong zeigt  aus der Perspektive der – liebenden – Frauen, was in die Gefühls- und Erfahrungswelt des späteren Reiseschriftstellers einfloss. Hearn beschäftigte sich, so stellt es die Autorin in der Erzählung seiner amerikanischen Frau dar, in den USA mit Rassismus und Fremdenhass. Im Gespräch mit ihr dachte er auch über das Schicksal seiner Mutter nach. Er ließ sich berichten, wie Sklaven aufwuchsen: mit der Erfahrung, dass nicht nur sie selbst, sondern „auch unsere Mütter weniger wert waren – als die Weißen, weniger als deren Kinder, die am Rand unseres Lebens wohnten“.

Das Buch

Monique Truong: Sweetest Fruits.
Roman. Aus dem Englischen von Claudia Wenner.
C. H. Beck, München 2020.
350 S., 23 Euro

1890 verließ Lafcadio Hearn die USA. Er ging nach Japan, unterrichtete Englisch und erkundete das Land. Durch die Ehe mit der Tochter eines Samurai nahm er einen neuen Namen an. Diese Frau wendet sich nach seinem Tod so an ihn: „Koizumi Yakuo, du bist Abendländer, und ich, Koizumi Setsu, bin Japanerin. Die Kinder sind die süßesten Früchte eines veredelten Baumes.“ Daher also rührt der Titel. „Sweetest Fruits“ ist ein Buch über das Erzählen, über die Wahrheit im Auge der Betrachterin.

Auf drei Kontinenten hat der Mann gelebt, um den sich das Buch dreht. Solche Biografien sind heute in der Zeit der Fluchtbewegungen und der globalen Arbeitsmöglichkeiten durch die modernen Technologien nicht mehr ganz so ungewöhnlich. Die Autorin Monique Truong selbst wurde in Asien geboren, in Saigon, und wuchs in den USA auf. Ihre Eltern hatten Vietnam mit ihr verlassen, als sie sechs Jahre alt war.

Lafcadio Hearns Reportagen prägten lange den westlichen Blick auf Japan. Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig würdigten Anfang des vorigen Jahrhunderts seine Arbeit. Doch noch vor ihnen schrieb bereits die aus Louisiana stammende Journalistin und Weltreisende Elizabeth Bisland (1861–1929) eine Biografie Hearns. Sie kommt  zwischen den drei Erzählerinnen zu Wort. Neutral ist auch ihr Blick nicht.

Der Verlagstext nennt Lafcadio Hearn einen „schillernden literarischen Gestaltwandler“. Das klingt sehr schön. Schillernd aber wird seine Geschichte erst, wenn man ihre verschiedenen Seiten in den Blick nimmt. Wenn neue Weggefährten auftauchen, die Perspektive und die Ansprache wechselt, wenn sich sogar der Name des Helden ändert, fordert der Roman immer wieder die ganze Aufmerksamkeit seiner Leser. Das Gesamtbild, das Monique Truong hiermit erschaffen hat, ist überraschend und unbedingt lesenswert.