Als Larry versucht, den festgefrorenen Schwan aus dem Teich zu retten, bricht sie selbst ein. Als ihr jemand das Fahrrad übers Eis zuschiebt, damit sie sich festhalten möge, kann sie die Arme nicht heben. So also fühlt sich Ertrinken an. In Verena Keßlers Roman „Die Gespenster von Demmin“ hängt an dieser Szene nicht nur das Schicksal von Larissa, die von allen außer ihrer Mutter Larry genannt wird. Dieser Moment führt auch zu Schicksalstagen der Stadt, in der sie wohnt. Anfang Mai 1945 hatten sich im vorpommerischen Demmin einige Hundert Menschen freiwillig ins Wasser begeben, mit Steinen an den Schuhen oder in den Jackentaschen, mit kleinen Kindern an den Gürteln, mit Schlafmitteln im Magen.

Die Autorin wagt geradezu einen Jahrhundertschritt mit ihrem ersten Roman: Sie erzählt von einem erfundenen Mädchen und verbindet es mit Tatsachen, die von symbolischer Bedeutung sind. Hatte man in der DDR versucht, den Massensuizid zu beschweigen, weil die Angst vor den sowjetischen Soldaten die Menschen am Kriegsende so handeln ließ – was dem offiziellen Bild von der Befreiung widersprach –, wurde in den vergangenen Jahren immer mehr darüber bekannt. 2018 brachte Martin Farkas seinen Dokumentarfilm „Überleben in Demmin“ heraus, der die Kehrseite des Erinnerns miterzählt: Seit anderthalb Jahrzehnten versammeln sich am 8. Mai in Demmin Neonazis nicht nur aus Mecklenburg-Vorpommern zum Trauermarsch durch die Kleinstadt.

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