Erzählt im leichtesten Ton von den übelsten Dingen: die ehemalige Schauspielerin Yasmina Reza.
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ParisMit Stücken wie „Kunst“ oder „Der Gott des Gemetzels“ ist Yasmina Reza weltweit zu einer der erfolgreichsten Autorinnen geworden. Das liegt auch daran, dass sie auf der Bühne wie in ihren Romanen im leichtesten, geschliffensten Konversationston von den übelsten Dingen zu erzählen vermag. Ursprünglich war sie Schauspielerin, sie kennt das Theater also durch und durch, wie sie nun in ihrem neuen Stück „Anne-Marie die Schönheit“ zeigt. 

Die eine wurde ein Star, die andere spielte Nebenrollen 

In einem ruhig dahinfließenden Monolog fast ohne Punkt und Komma erzählt eine Schauspielerin namens Anne-Marie Mille aus ihrem Leben – und aus dem einer Freundin, die mit ihr an einem kleinen Theater in Paris anfing. Doch Giselle wurde ein Star beim Film und hatte vermutlich Liebhaber wie Ingmar Bergman und Alain Delon, während sich Anne-Marie stets mit den Nebenrollen begnügen musste. Als betagte Damen trafen sie einander zufällig auf der Straße und klagten sowohl über ihre Kinder als auch über die Malaisen des Alters: „Schwerhörigkeit, Kreuzweh, aufmuckende Verdauung, Verfall von Haut, Muskeln, Haarfarbe, diese ganze Kaskade des Chaos, die einen nach und nach dem Tod in die Arme treibt.“

Aber immer noch umflorte die Rivalin eine „matte Lässigkeit“, als ob ihr alles, inklusive Männer und Rollen, egal wäre. Die einsame Anne-Marie schildert dies und mehr während eines angeblichen Interviews in ihrer Wohnung. Sie redet ihre Gesprächspartner wechselweise als „Madame“, „Mademoiselle“ oder „Monsieur“ an. Vermutlich ist gar niemand bei ihr und sie träumt nur davon, dass sich die Öffentlichkeit trotz ihres Ruhestandes und ihrer geringen Bekanntheit für sie interessiert. Manchmal ist sie bissig, meistens melancholisch. Sie wiederholt sich und kommt unversehens von einem Thema zum nächsten. Über den Nachruhm macht sie sich nichts vor: „Auf der Bühne bleibt nichts von einem zurück.“

Die Uraufführung inszenierte Yasmina Reza mit André Macron 

Weil ihr der Text so nahe ist, sollte in der von Yasmina Reza selbst inszenierten Uraufführung keine Frau diese Anne-Marie spielen, sondern André Macron, mit dem sie bereits mehrfach zusammengearbeitet hat. Die Premiere im Pariser Theater La Colline konnte – gerade noch vor der Corona-Sperre – stattfinden. Bestimmt liefen da längst die Telefone heiß, welches Theater den Zuschlag für die deutsche Erstaufführung erhalten wird. Vielleicht eines in Berlin, wo sich Reza wohlzufühlen scheint? Für die Schaubühne schrieb sie „Bella Figura“ und war von „Drei Mal Leben“ am Berliner Ensemble wohl sehr angetan. Bis dahin kann man das packende Stück schon in Buchform lesen, es ist eine Freude.

 

Yasmina Reza: Anne-Marie die Schönheit, aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser-Verlag, 80 S., 16 Euro