So flüchtig, flattrig, rückgratlos wie die Insekten, für die sich der Held in diesem Buch interessiert, wirkt er oft. Allerdings nicht so schillernd.
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BerlinMan ist versucht zu zählen. Wie häufig die beiden Wörter Schuld und Scham sowie ihre Verwandten vorkommen in „Wirbellos“, diesem so sonderbar entrückten und doch alltäglichen Buch. Schuldig sein. Sich schuldig fühlen. Sich schämen. 

Keine der Figuren, die der 1977 in Bern geborene Autor in seinem zweiten Roman aufeinander loslässt, ist frei davon. Doch das erfährt die Leserin erst spät in der geschickt geschichteten Handlung, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart springt, ohne sich je zu verheddern.

Martin Schammer: verschwommen, konturlos

Gleich zu Beginn und viele Jahre bevor die Hauptfigur, ein junger Mann namens Martin Schwammer, wirklich schwere Schuld auf sich lädt, heißt es: „Ihm war klar, dass sich seine Eltern auch ohne sein Zutun getrennt hätten (...) Trotzdem fühlte es sich an, als wäre er schuld.“

Und weiter: „Neu war das Gefühl nicht. Er hatte sich ja schon als Kind immer verantwortlich gefühlt, wenn er ein totes Tier am Wegrand gesehen hatte, wenn irgendwo eine Fensterscheibe eingeschlagen worden war, sogar wenn er ein Baby hatte schreien hören.“

Scham empfindet Martin Schwammer dennoch selten. Er empfindet überhaupt wenig, die Namensgebung ist ein Kunstgriff. Verschwommen, konturlos kommt er einem selbst dann vor, wenn er vermeintlich liebt, leidet oder kämpft. Oder eben flüchtig, flattrig, wirbellos wie die Insekten, die nicht nur von etlichen Protagonisten gesammelt werden, sondern das ganze Buch durchschwirren – in Gestalt und symbolisch.

Was genau passiert ist, bleibt lange unklar

Denn rückratlos zeigt sich Schwammer nach seiner Tat zunächst wirklich, in seinem anfänglichen Nichthandeln wie auch in seinem späteren Handeln. Das Verbrechen, folgend aus einem kleinen Diebstahl (und hier nicht näher benannt, denn viel Spannung erzeugt Musio dadurch, dass lange nicht klar ist, was eigentlich genau geschah), will er büßen, indem er sich in die Familie des Opfers einschleicht, um Hilfe zu leisten.

Er bandelt mit der 20 Jahre älteren und vom Leben schon reichlich gezausten Valerie an, lernt deren resolute Schwester Doris und ihren wütenden Mann Benno kennen, die andere, abtrünnige Schwester Mel und ihren Freund Andor, die alte Nelly.

Figuren, die rührend normal sind

Dass Martin Schwammers Versteckspiel nicht gut gehen kann, gebietet schon das Gesetz, dass jede Lüge weitere gebiert und noch jedes Lügengebäude irgendwann zusammengekracht ist. Zumal Schwammer das Lügen erst lernen muss, als Kind machte er sich unbeliebt, weil er nichts für sich behalten konnte. Er lernt es von seinem Freund Oskar, dem wohl einzigen unsympathischen Charakter in „Wirbellos“.

Allen anderen kann man gar nicht anders als mit der gleichen Nachsicht begegnen wie der Autor es tut. Das liegt auch daran, dass sie und ihr Umfeld so rührend normal sind. Martin Schwammer arbeitet in der Sterilgutversorgungsabteilung des örtlichen Spitals, sprich, er reinigt OP-Besteck.

Sein Vater ist Außendienstmitarbeiter bei einem Tierfutterproduzenten, seine Mutter Friseurin. Valerie arbeitet in der Kirchengemeinde und das von ihr enthusiastisch organisierte Pfingstfest gerät zu einem so bizarren wie erschütternden Höhepunkt des Romans.

Aufeinander geworfen wie in einem Kammerspiel

Man wohnt in Einfamilienhäusern, feiert Motto-Partys und geht zum Essen – und noch öfter zum Trinken – in billige Gasthöfe und Strandlokale. Doch obwohl sich die Handlung an vielen Orten und über Jahre abspielt, sind die Handelnden aufeinander geworfen wie in einem Kammerspiel. Lange Zeit hat die Kammer nicht einmal Fenster. Lügen, Geheimnisse, Fehlentscheidungen und die Schmach darüber verdunkeln die Beziehungen.

Dass ausgerechnet in der einseitig arrangierten Partnerschaft von Martin und Valerie so etwas wie Liebe und nackte Ehrlichkeit aufschimmert – ob nur spät oder zu spät, bleibt offen – geht sehr nah, nachdem die leichte Erzählweise einen so lange auf Abstand gehalten hat. „Wieso hatte er früher nie erkannt, wie schön sie war?“, fragt sich Martin. Da liegt so ziemlich alles in Scherben.

Beklommen und zugleich befreit

Doch weil alle Beteiligten um ihren Anteil wissen an der mitunter komischen Tragödie, die sich hier abspielt und sich wohl Leben nennt, ist Versöhnung möglich. „Vielleicht hatte ja selbst der schlechteste Mensch ab und zu eine Pause verdient. Eine kurze Unterbrechung, in der er sich das Glück zumindest einreden durfte“ heißt es gegen Ende.

Man nickt unwillkürlich und klappt das Buch kurze Zeit später beklommen und zugleich befreit zu – nicht ohne den Menschen darin leise eine Pause und ein bisschen echtes Glück zu wünschen. Man hat sie liebgewonnen, mit all ihrer Schuld, mit all ihrer Scham.

Giuliano Musio: Wirbellos

 Luftschacht, Wien 2019. 464 S., 26,70 Euro.