Dieser Mann ist viel zu gut, um wahr zu sein. Ein Schriftsteller, der allerhöchstes Können und innovative Formkunst mit sozial engagierter Literatur verbindet und obendrein trotz seines Erfolges sympathisch geblieben ist – kann das überhaupt sein? In Brasilien scheint so etwas möglich zu sein. Luiz Ruffato ist der Erzähler der Stunde, dem wie keinem anderen zur Zeit die glaubwürdige und aufregende Vereinigung von Form, Inhalt und Moral gelingt.

Als er vor einiger Zeit – ausnahmsweise mal weniger zurückhaltend – bekundete, dass der Roman „Es waren viele Pferde“ nur eine Fingerübung gewesen sei für sein Mammutprojekt, den fünfbändigen Zyklus „Vorläufige Hölle“, konnte man es kaum glauben. Dieser großartige, zerfetzte, schmerzende, moderne, babylonische Roman über das Leben der Gestrandeten und Verlorenen in São Paulo nur ein Vorspiel? Für eine noch höllischere Hölle? Diesem neuen Inferno musste man entgegenfiebern.

Und Ruffato hat sein Versprechen gehalten. „Mama, es geht mir gut“, der bei Assoziation A vorgelegte erste Band des Zyklus, erfüllt alle Erwartungen. Gleich die erste Geschichte, betitelt „Eine Fabel“, trifft wie ein Dolch ins Herz. Erstes Kapitel, erste Seite: Micheletta, von ihrem Mann „gefesselt an die Nabelschnur endloser Schwangerschaften“, liegt im Sterben, vollkommen allein in einer Hütte. Der Mann, draußen auf dem Feld, hat seiner Frau seit der Heirat jeglichen Kontakt zu anderen verboten, selbst zu Eltern und Geschwistern. Maria, die Hebamme, erinnert sich an Michelettas Leidensweg: „Der Schwierigste kam in der Hocke, und wie schmerzten sie die vielen Ungeborenen!, furchtbare Abgänge, Missgeburten, Krüppel, Todgeburten, eine Saat von Engelchen bei den Bananenstauden hinter den Häusern der kleinen Parzellen rund um Rodeiro ... eine zierliche Frau, blutarm und zartblau, so weiß, immer im Bett, schlaff, trächtig, „krank“ jedes Jahr, ihre Jugend durch den Unterleib verrinnend, zwanzig Jahre lang schwanger, gelähmt, dreizehn Geburten – acht Mädchen –, „Wollbäume“ in jener giftigen Sprache der Hauptstraße“.

Ihr Mann, mehr Zärtlichkeit für den Acker und das Vieh, für Hacke und Pflug, Frau und Kinder prügelnd, baute seine Familie aus zwischen Axthieben und Brandrodung, tief im engen Tal zwischen Rodeiro und der dahinter aufragenden Serra da Onça. Erschoss und verscharrte seine Älteste, als er sie mit einem fliegenden Händler im Bett erwischte. Und wird bald, nachdem Micheletta gestorben, nein, verendet ist wie ein Tier, auch seinen besten Sohn verlieren, dessen Gedanken gerade zur Busstation fliegen, von wo aus er in die nächste Stadt will.

Weit reichen sie nicht, die Träume der Menschen im Hinterland der Berge von Minas Gerais, Hauptsache, es geht erst einmal fort von da, wo man ist. Von dort, wo die Entbehrungen, die Gewalt, der Tod hausen, hinein in die Städte, wo es anders, aber keineswegs besser ist.

In „Es waren viele Pferde“ hatte Ruffato den Moloch der Megastadt São Paulo gezeigt. Jetzt schildert er – historisch und topographisch zurückgehend – die Härten des Landlebens: brutal, direkt, ohne Sozialromantik. Doch Menschen, deren Namen oft nicht einmal einen Grabstein zieren, erhalten ein Gesicht.

Realismus mit antirealistischen Mitteln

Es ist ein Realismus mit antirealistischen Mitteln, den Ruffato entwickelt hat. Satzfetzen, innere Monologe, Halluzinationen, Zeitungsannoncen, Fragmente von Gebeten, Liedern, Telenovelas. Eigenwillige und manchmal gar keine Interpunktion. Perspektivwechsel im Sekundentakt. Durcheinandergewürfelte, ausgekotzte, aber auch zärtliche und heilige Wörter. All dies von Michael Kegler feurig übersetzt. Keine durchgehende Handlung gibt es, doch unzählige Figuren, Szene auf Szene, Fäden, die aufgegriffen oder fallen gelassen werden. Joyce und Döblin. Postmodernes Theater. Musik. Neue und alte Medien. Der Glaube.

„Unruhig, der Schlaf will nicht kommen, Dona Jandira kommt von der Messe, die Tür schleift „Gloria! Gloria! Die Engel singen! / Gloria! Gloria! Die Harfen klingen!, gebeugte Stimme, Stille der Grillen und Hunde, kehrt um, schält Tabletten heraus, gibt Wasser in eine Tasse, trinkt es in großen Schlucken, “… für dich / In deinem Schmerz, seine Liebe / Lässt dich nie im Stich / Gott so„, Tumult auf dem Dach (Katzen? Beutelratten? Eidechsen?) Gänsehaut, dürrer Wind treibt Schatten über die Wand, der Engel brüllt, Ohrenschmerz?, Kolik?, Hunger?, Gewohnheit?, Kälte?, dann Ruhe, ein Karren, Pereira holt Wäsche ab, um diese Zeit?“

Ruffato, 1961 in Cataguases geboren, im Bundesstaat Minais Gerais, dort, wo auch die „Vorläufige Hölle“ beginnt, kommt aus armen Verhältnissen. Die Eltern sind italienische Einwanderer, Mutter Waschfrau und Analphabetin, Vater Popcornverkäufer. Der Erfolg des Sohnes war pures Glück. Ein Gönner ermöglichte eine bessere Schule. Ein für Brasilien völlig untypischer Lebensweg, fast schon märchenhaft, sagt Ruffato. Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Zukunft sind für einen Großteil der Brasilianer immer noch ein Traum. Gleichzeitig hören diese Menschen im Radio und Fernsehen, dass ihr Land die sechstgrößte Wirtschaft der Welt ist.

„Mama, es geht mir gut“ zeigt den Ausgangspunkt des gigantischen Veränderungsprozesses, den Brasilien durchlaufen hat: von einem rückständigen Agrarland in den 50er-Jahren hin zu einer urbanen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. In den folgenden Bänden des Zyklus verfolgt Ruffato die tiefgehenden sozioökonomischen Umwälzungen und ihre Auswirkungen auf Leben und Bewusstsein der einfachen Menschen weiter. Eher als Zweifler, denn als Aufklärer. Diese Zweifel ausdrückend, müsse er sich als Person gleichsam auflösen, um sich in den Figuren, die er schildere, wieder zu rekonstruieren: „So kann ich glaubhaft ihren Schmerz, ihre Zweifel, ihre Ängste vermitteln. Es ist mein Wunsch, dass der Leser an der Konstruktion dieses Buches teilnimmt.“