Am Anfang ist das Chaos. Genauer: Das Studio, in dem Ricardo Villalobos, seine feinen minimalistischen Technotracks einspielt. Der Berliner DJ sitzt im Kontrollsessel vor den Monitorboxen, mitten in einem irren Gewimmel aus Kabelknäueln, Steckfeldern, Pulten, dazu Keyboards und Schallplatten von obskuren Krautrockern und noch obskureren iranischen Musikanten – Gerätschaft halt, die man zum Herstellen der elektronischen Musik braucht, um die es in diesem schönen Film von Romuald Karmakar geht.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht“

Karmakars Ruhm verdankt sich eher dem ruhigen Blick auf starke Themen, er dokumentierte Söldner in seinem Film „Warheads“ von 1992, er beschäftigte sich mit Serienmördern („Der Totmacher“), Nazis („Das Himmler-Projekt“) und Hasspredigern. In „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ beschäftigt er sich nun schon zum vierten Mal seit „196 bpm“ (2003) mit Techno.

Diesmal jedoch geht es nicht um eine Künstlerbiografie wie 2009 in „Villalobos“ und auch nicht um die Tänzer, die Orte. Es geht vielmehr um die Kultur der Nacht, die Herstellung der funktionstüchtigen Party und ihres Soundtracks. Die fünf Protagonisten dieser ebenso feinen wie raffinierten Reflexion sind allerdings gestandene und international bekannte DJs und Produzenten: Neben Villalobos der Frankfurter Ata Macias, der Heidelberger Move D alias David Moufang, der Offenbacher Roman Flügel und Sonja Moonear aus Genf.

Vögelgezwitscher hören

Karmakar verlässt sich dabei auf die Beobachtung, auf feste und lange Einstellungen, und er verwendet auch in den Clubszenen nur eine Kamera. Dazu verzichtet er auf eine historisch chronologische Erzählung. Nur in den Erinnerungen des 50-jährigen Ata kommt sie ins Spiel, wenn er irgendwann seufzend erzählt, dass er seine ganzen Platten verkauft habe und in Zukunft lieber den Vögeln beim Zwitschern zuhören werde: Nach einem runden Vierteljahrhundert lustvoller Arbeit an der elektronischen Tanzmusik hat er keine Lust mehr. Techno, sagt er, sei ein Teppich, der oberflächlich hübsch aussehe, aber wenn man sich damit beschäftige, erkenne man die hoch spezialisierte, unübersichtliche Textur.

Autoren und Künstler

Dazu kommt, auch dies zeigt Karmakars Film, dass die DJs inzwischen auch Autoren und Künstler geworden sind, mit einer eigenen Signatur und Arbeitsweise, die sich nicht mehr einfach der Funktion fügen. So sieht man zum Beispiel einen recht freegeräuschigen Laptop-Autritt Villalobos’. Und auch visuell begreift man leicht, dass sich die Musik aus dem explodierten Studio von Villalobos anders anhören wird als aus dem elegant leergeleckten Zimmer, in dem man Sonja Moonear sieht.

Karmakar und Tom Tykwers Kameramann Frank Griebe suchen auch im Club keine Bilder der Ekstase, sondern schauen eher zu, wie diese angestoßen wird. Selbst die Musik wirkt eher still und die Tänzer, denen man über die DJ-Schulter zuschaut, sehen oft sehr eigenartig aus, weil man zu ihren Bewegungen nicht den Clubsoundtrack hört: Karmakar setzt uns gleichsam die Kopfhörer des DJs auf, man hört das Aufsetzen der Nadel, sieht das Ziehen der Regler, seltsam mulmend und gefiltert klingt der Sound. Es gehe, erklärt Villalobos, beim Djtum darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikums zu finden, was aber auch heißt, ihn ständig neu zu suchen und zu gestalten – man erkennt die oft rätselhafte Knöpfchendreherei am DJ-Pult als ständig nachjustierte Dramaturgie.

Rasender Monolog

Karmakar selbst scheint auch immer wieder nachzuregeln und seine kleinen Kapitel nicht so streng zu organisieren. Konsequent wächst daher ein gefühlt endloser, rasend spannender Monolog von Move D zum Höhepunkt des Films. Er steht mit Blick auf Heidelberg in einer sonnigen Wiese voller Obstbäume und zwitschernder Vögel.
Ganz harmlos fängt er an, von der frühkindlichen Begeisterung für den Sound des Windes unter der Tür zu schwärmen.

Und versteigt sich von dort in wilden Gedanken zu Bach und Techno, den Kosmos und Gott, seinen Physikervater und den Urknall – und gerade, wenn er zu einem Ende gekommen scheint, stachelt ihn der Regisseur aus dem Off noch einmal an, und es geht wieder los, kreiselnd, dozierend, bis er selbst grinsen muss, wie er sich um Kopf und Kragen schwätzt und sich der Zuschauer fragt, ob er vorher nur eine Tüte Gras durchgezogen, oder nicht doch einen Newton’schen Apfel auf den Kopf bekommen hat – ein fantastischer Filmmoment. Als solcher betont er, wie fröhlich diese verstrahlte Klangwissenschaft funktioniert – und dass der Titel des Films mit Deutschland wenig zu tun hat. Aber umso mehr mit der Nacht.